WIR: Ein Zentrum für sexuelle Gesundheit und Medizin für ALLE

11 Sep
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Seit mehr als 30 Jahren widmet sich Prof. Dr. med. Norbert H. Brockmeyer leidenschaftlich der HIV/AIDS-Forschung und der Patientenversorgung. Seit 2009 leitet er das Zentrum für Sexuelle Gesundheit und Medizin am St. Josef Hospital, Klinikum der Ruhr-Universität Bochum.

Ihr Ausbau zum WIR-"Walk In Ruhr" - Zentrum für Sexuelle Gesundheit und Medizin direkt in der Bochumer Innenstadt erfolgte zusammen mit den Kooperationspartnern, dem Bochumer Gesundheitsamt, der Aidshilfe Bochum sowie pro familia, Rosa Strippe und Madonna. Im Zentrum werden die Patientinnen und Patienten medizinisch, sozial und psychosozial betreut. Das Team arbeitet interdisziplinär, Dermatolog*innen, Gynäkolog*innen, Psycholog*innen und Sozialarbeiter stehen kontinuierlich in engem Austausch.


Was ist das Besondere an WIR „Walk in Ruhr“?

Prof. Dr. Brockmeyer: Bei uns im WIR bieten wir Beratung, Information, medizinische Behandlung, Präventionsangebote, Gesundheitsförderung, Psychotherapie und Selbsthilfe unter einem Dach an. Die interdisziplinäre, sektor- und rechtsformübergreifende Zusammenarbeit vieler Institutionen rund um die Themen „Sexuelle Gesundheit und Medizin“ sowie „Sexuell übertragbare Infektionen“ (STI) ist deutschlandweit einzigartig.

Bis vor vier Jahren waren wir hauptsächlich eine HIV-bezogene Versorgungseinrichtung mit 90 Prozent HIV-Patienten. Heute erreichen und behandeln wir deutlich mehr Frauen (40 Prozent) und vulnerable Gruppen wie Sexarbeiterinnen, Migranten (29 Prozent) und wohnungslose Jugendliche. Zu uns kommen Menschen, die ohne Krankenversicherung oft nicht ausreichend Hilfe erhalten oder sogar in anderen Institutionen negative Erfahrungen gemacht haben. Durch unser zukünftiges Modellvorhaben zur Förderung der Sexuellen Gesundheit mit dem PKV-Verband hoffen wir, noch mehr Jugendliche, insbesondere vulnerable Jugendgruppen wie z.B. junge Menschen ohne Wohnungen, mit Beeinträchtigungen, mit Migrations- und Fluchterfahrungen oder im Strafvollzug in ihren jeweiligen Lebenswelten erreichen zu können. Das geplante Modellvorhaben wird im Handlungsfeld physio-psycho-soziale Gesundheit verortet und verhältnispräventive Maßnahmen wie setting- und zielgruppengerechte Beratungs- und Begleitangebote mit niederschwelligen Kontaktanreizen in den Vordergrund stellen.

Wie kann man sich die Arbeit im WIR „Walk In Ruhr“ konkret vorstellen?
 
Prof. Dr. Brockmeyer: Die meisten Menschen haben große Ängste über ihre Sexualität vor allem aber über ihre sexuellen Probleme zu sprechen. Deswegen unterstützen wir unsere Patienten dabei, ihre Hemmschwelle zu überwinden. Wir sagen ihnen immer, dass sie ihre Bedenken und ihre Tabus im Empfangsbereich des WIR lassen können. Unser Zentrum ist offen für alle. Neue Patienten werden von einem Health Adviser (Gesundheitsberater) empfangen. Die Beraterin oder der Berater kann z.B. eine erste STI-Testung anbieten und nach Rücksprache mit den Ärzt*innen veranlassen. Bei uns können alle Patient*innen ihre Testproben (Abstriche) selber entnehmen. Natürlich bietet das unser medizinisches Personal ebenso an. Aber für viele ist es leichter, dies selber zu machen.

Danach helfen die Health Adviser den Klienten den richtigen Ansprechpartner im WIR zu finden. Je nach Bedarf werden sie zu Ärzt*innen oder Psycholog*innen oder Sozialberater*innen begleitet.

Für uns ist es wichtig, dass wir nicht nur symptomorientiert denken und handeln, sondern risikoorientiert. Bis zu 80 Prozent der Geschlechtskrankheiten sind symptomlos. Gerade Chlamydien und Gonokokken können aber zu Unfruchtbarkeit und Schwangerschaftskomplikationen führen. Wir testen dafür nicht nur im Genitalbereich, denn – für viele unserer Patient*innen überraschend - über 60 Prozent der Infektionen finden wir nicht genital, sondern oral oder anal.

Was bestärkt Sie in Ihrer Arbeit?

Prof. Dr. Brockmeyer: Uns bestärkt, wenn Menschen, die sexuelle Probleme hatten und keine*n für Sie passenden Ansprechpartner*in fanden, zu uns kommen mit unserer Arbeit zufrieden sind und sich für unsere offene und verständnisvolle Behandlung bedanken und Bekannten davon erzählen.
Oft haben z.B. Sexarbeiter*innen keine Krankenversicherung oder haben aufgrund von vorangegangener Diskriminierung nicht den Mut zum Arzt zu gehen. Eine Frau kam z.B. mit starken Blutungen und einer Infektion nach einer nicht richtig durchgeführten Abtreibung in unser Zentrum. Unsere Ärzte konnten ihr helfen, sodass sie drei Tage nach unserer Behandlung wieder nach Hause gehen konnte. Solche Erlebnisse bestärken uns sehr in unserer Arbeit.

Welche Ziele haben Sie sich mit WIR „Walk In Ruhr“ gesetzt?

Prof. Dr. Brockmeyer: Das wichtigste Ziel ist die Patientenversorgung zu verbessern und insbesondere Patienten, die früher diskriminiert wurden bzw. Angst vor Diskriminierung haben, mit unserem Zentrum zu erreichen und verständnisvoll und wertschätzend zu behandeln.

Ein weiteres Ziel ist es, mehr Menschen zu erreichen, auch aus der Mitte der Gesellschaft. Über Jugendsprechstunden wollen wir z. B. jüngere Menschen auf sexuell übertragbare Krankheiten aufmerksam machen und ihnen gleichzeitig vermitteln, dass niemand, der das WIR besuchen möchte, vor der Tür stehen gelassen wird.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Prof. Dr. Brockmeyer: Wir bieten z.B. Vortragsreihen wie „Let´s talk about…“. Jeden Donnerstag veranstalten wir im Café der Aidshilfe Bochum „enJoy the place“ ein Patientenfrühstück für HIV-Patienten, unterstützt durch die Deutsche Aidsstiftung. Kürzlich wurden wir aber darauf aufmerksam gemacht, dass auch andere Patientengruppen sich gerne austauschen würden. Nun versuchen wir eine Selbsthilfe-Gruppe für Patienten mit genitalen Herpesinfektionen zu gründen. Für solche und andere Projekte wünsche ich mir für die Zukunft mehr Budget.

Auch durch das Modellvorhaben mit dem PKV-Verband, in dem wir zusätzlich noch mit Sexualpädagog*innen und Sprachwissenschaftler*innen zusammenarbeiten werden, wünsche ich mir, dass wir unsere Präventionsversorgung in wichtigen Settings junger Menschen weiter ausbauen können.

Ebenso hoffe ich, dass sich unser Modellvorhaben WIR auch in der Fläche, also deutschlandweit, umsetzen lässt , sodass mehr Menschen auch außerhalb von Nordrhein-Westfalen in interdisziplinären, sektor- und rechtsformübergreifenden Zentren geholfen werden kann.

WIR-Walk In Ruhr Zentrum für Sexuelle Gesundheit und Medizin