Wenn Patienten dir Leid zufügen

30 Sep
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Auf der Herzchirurgischen Station hatte ich mit vielen Patienten zu tun, die - meist nach einer schweren Operation - nicht mehr wissen, wo sie sind, was passiert ist und wer sie sind. Darauf reagiert jeder unterschiedlich: manchmal aggressiv, nicht selten aber auch einfach verwirrt und hilfesuchend. Wie heftig das sein kann, habe ich vor Kurzem am eigenen Leib zu spüren bekommen.

Ich habe einen Patienten betreut, mit dem ich mich von Anfang an sehr gut verstanden habe. Er stand kurz vor einer Bypass-Operation am Herzen, war alleinstehend und sehr gefasst über seine Situation. Mich hat er schon nach unserem ersten Gespräch beeindruckt, weil mir nicht viele Menschen untergekommen sind, die obwohl sie keinen einzigen unterstützenden Angehörigen an der Seite hatten, so einen starken und ruhigen Eindruck machten.

Wir redeten viel, er hatte so einen angenehmen sächsischen Akzent, der ihn für mich super sympathisch machte. Herr L. erzählte mir viel von seiner Krankheitsbiografie, die Herzkrankheit hätte er schon seit vielen Jahren, außerdem sei das nicht die erste Operation die er durchstehen müsste. Langsam aber sei es ihm genug. Nun ist er schließlich schon über 70 Jahre alt, hat sein Leben gelebt und ist zufrieden.

In solchen Momenten weiß ich nie wirklich, wie ich reagieren soll. Meine eigene Meinung zu dem Thema ist bereits manifestiert. Mit reifem Alter sollte man immer abwägen, wie sinnvoll so ein riskanter Eingriff noch ist. Mehrere Faktoren spielen dabei eine große Rolle (Wie aufwendig ist die Operation? Wie lange würde der Patient zum Genesen brauchen? Wie viel Unterstützung hat der Patient in seinem sozialen Umfeld? Wie viel Kraft bräuchte der Patient, physisch sowie psychisch? Wie mobil wäre der Patient danach? Wie schwierig wäre der Heilungsprozess für den älteren Körper mit und ohne Wundheilungsstörungen und postoperativen Komplikationen? Wäre es sinnvoll für den Menschen, diese Risiken einzugehen? Und so weiter…)

Ich würde Patienten von einer lebensnotwendigen Operation nie abraten.

Denn obwohl ich zu meiner Meinung stehe, würde dies erstens meine Befugnis überschreiten, zweitens reicht meine Kompetenz im medizinischen Sachbereich nicht so weit und drittens möchte ich in dieser Hinsicht nicht Gott spielen. In persönlichen, zwischenmenschlichen Gesprächen kann ich meine eigene Meinung gern zum Ausdruck bringen. Anders in Aufklärungs-/oder Beratungsgesprächen. Da heißt es sich an den Plan zu halten, sich ausschließlich sachbezogen, zielorientiert und konstruktiv für den Patienten zu äußern und ihn dennoch über alle Risiken aufzuklären.

Daher riet ich Herrn L., er solle auf sein Bauchgefühl hören. Aber wenn er sich für die Operation entscheiden sollte, dann sollte er auch komplett dahinter stehen und den Fachmenschen voll und ganz sein Vertrauen schenken, schließlich haben diese Leute dann sein Leben in den Händen. Herr L. entschied sich für die Bypass-Operation. Er lag noch einige Tage auf unserer Station, bevor er operiert werden sollte und wir hatten ausreichend Zeit, weitere Gespräche zu führen.

Durch Notfälle und Akutpatienten verschob sich seine OP immer wieder und Herr L. musste trotzdem nüchtern bleiben. Komplette Nahrungskarenz, so heißt es bei uns. Nichts zu essen, nichts zu trinken. Für einen älteren Organismus ist es nahezu nicht zumutbar, keine Flüssigkeiten zuzuführen, weil der Körper schneller zur Exsikkose neigt, also zur völligen Austrocknung. Dies wird zuerst an der Psyche erkennbar, man merkt sofort, wenn nicht mehr ausreichend Elektrolyte das Gehirn erreichen, die Patienten fangen an zu halluzinieren und sich Situationen auszumalen, die überhaupt nicht so sind. Sie sind plötzlich nicht mehr sie selbst, doch sie können nichts dafür.

Als ich wieder zum Frühdienst kam, hatte ich nicht so viel Zeit wie sonst für Herrn L. Ich grüßte ihn zwar, dennoch fiel mir nicht auf, dass er an diesem Morgen anders drauf war. Beim Dokumentieren meiner durchgeführten Maßnahmen im Schwesternzimmer kam eine Pflegehelferin zu mir und sagte, mein Patient erzähle, man wolle ihn entführen, umbringen und schreckliche Dinge antun. Die Pflegehelferin riet mir, einmal selbst nach ihm zu schauen, da ich eine bessere Bindung zu ihm habe. Als ich in sein Zimmer kam, fragte ich ihn, ob ich mich zu ihm setzen könne. Er nickte. Ich setzte mich neben ihn, legte meine Hand auf sein Bein und fragte ihn, ob ich ihm irgendwas Gutes tun könnte.

Plötzlich griff mich mein Patient an.

Herr L. hob seinen Kopf, sah mir in die Augen und sagte: ,,Lisa, es tut mir leid.“ In der nächsten Sekunde packte er mich am Hals und an den Armen, zerrte mich in sein Bett und versuchte mich zu würgen. Ich rief mehrmals um Hilfe, in meinem Kopf hat es sich unendlich laut angehört, nach Außen hin war es wohl eher ein Flüstern. Ich war völlig bewegungslos, rührte mich kein bisschen. Aber ich spürte, wie sich mein ganzer Körper plötzlich steif machte wie ein Brett. Die Minute, bevor eine für mich unzählbare Summe an Pflegern und Ärzten anstürmten, kam mir vor wie eine Ewigkeit. Sie alle zerrten an mir und an ihm. Eine Ärztin injizierte ihm ein Medikament in seine Vene, durch das Herr L. sofort in sein Bett einsank und von mir abließ.

Ich stand unter Schock, schaute ihn mit weit aufgerissenen Augen an und hatte für eine Sekunde Angst, dass er zu Bewusstsein kommt und mich erneut angreift. Die Angst verschwand, als mich die Ärztin zu sich holte, mich beruhigte und sich meine Verletzungen anschaute. Ein paar Kratzspuren an den Armen und ein leichter Abdruck seiner Hand an meinem Hals. Die Wunde am Arm wurde versorgt und ich durfte eine Pause einlegen. Viele Kollegen kamen auf mich zu und fragten, ob alles in Ordnung sei. Ich nickte. Den Schock musste ich ein paar Minuten verarbeiten und ging draußen vor dem Krankenhaus spazieren.

Ich wollte nicht nach Hause. Ich ging in die Rettungsstelle, um mir Blut abnehmen zu lassen, denn durch das Eindringen seiner DNA in meinen Körper musste ich auf übertragbare Infektionskrankheiten getestet werden. Dies ist Standard bei solchen und ähnlichen Vorfällen. Danach ging ich zurück auf Station und versuchte, mich mit Arbeit abzulenken. Ich fühlte, dass es eine ganze Menge Zeit beanspruchen würde, bis ich wieder ein gesundes Nähe-/ und Distanzverhalten zu den Patienten haben würde.

Ein paar Tage später erzählte man mir dann, Herr L. sei nach seiner Operation auf der Intensivstation verstorben.