Wenn die Lunge rasselt

22 May
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In Deutschland leiden etwa sieben Prozent der Erwachsenen und bis zu fünfzehn Prozent aller Kinder an Asthma. In Zeiten von Corona verschärft sich ihre Situation, denn Asthmatiker gehören zur Risikogruppe. Erika von Mutius erforscht mit ihrem Team am Helmholtz Zentrum in München Asthma und Allergien im Kindesalter.

Anlässlich des Welt-Asthma-Tages haben wir mit der Leiterin des Instituts für Asthma- und Allergieprävention (IAP) am Helmholtz Zentrum München, über das Leben von Asthmatikern in Zeiten von Corona gesprochen.

Am IAP am Helmholtz Zentrum München erforscht Erika von Mutius mit ihrem Team grundlegende Entstehungsmechanismen von Asthma und Allergien im Kindesalter, beispielsweise die Rolle von genetischen Faktoren und Umweltexpositionen bei der Krankheitsentstehung. Zudem ist sie die Direktorin für den Münchner Standort des Deutschen Zentrums für Lungenforschung (DZL) und Mitarbeiterin des Sozialpädiatrischen Zentrums der Rheumaklinik in Garmisch-Partenkirchen.

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?

Erika von Mutius: Ich halte einmal wöchentlich eine Sprechstunde für asthma- und allergiekranke Kinder ab. Die übrige Zeit verbringe ich mit Organisation, Meetings und wissenschaftlichen Arbeiten. Bei unseren Forschungen am Helmholtz Zentrum München stützen wir uns sowohl auf umfangreiche Feld- und Bevölkerungsstudien, als auch auf klinische Untersuchungen, die wir in der Dr. von Haunerschen Kinderklinik durchführen sowie Laborexperimente von Kollegen am Campus, mit denen wir zusammenarbeiten.

Ich selber führe kein Labor. Mein Team besteht aus engagierten Forschenden vieler verschiedener Disziplinen. Im Rahmen der klinischen "ALLIANCE"-Kohorte des Deutschen Zentrums für Lungenforschung (DZL) wollen wir beispielsweise die verschiedenen Asthmaphänotypen umfassend charakterisieren. In anderen Studien suchen wir nach mikrobiellen Faktoren, die vor der Entstehung von Asthma oder Allergien schützen könnten. Mit Hilfe der Ergebnisse aus unseren Bauernhofstudien wollen wir zudem neuartige Strategien zur Asthma- und Allergieprävention entwickeln.

Was hat sich durch Corona verändert?

Erika von Mutius: Aufgrund der aktuellen Lage haben sich die klinischen Standorte wie auch das Helmholtz Zentrum München für einen eingeschränkten Betrieb entschieden. Dies hat natürlich große Auswirkungen auf die Betreuung der Patienten und die Forschung.

Die Asthma- und Allergieambulanz in der Dr. von Haunerschen Kinderklinik wurde ganz heruntergefahren, wir halten aber telefonischen Kontakt mit den Patienten und ihren Familien. Gott sei Dank erkranken Kinder nur in Ausnahmefällen an Covid19 und Asthmakinder scheinen auch nicht betroffen zu sein.

Wissenschaft im Labor findet nur sehr eingeschränkt statt. Mein gesamtes Team ist im Home Office und was geht, wird von zu Hause aus erledigt: Besprechungen, Datenanalysen, Projektanträge, Veröffentlichungen etc. Ich stecke in zahlreichen Telefon- und Videoschalten Tag für Tag - wie so viele andere auch.

Was vermuten Sie, wie sich das Coronavirus auf Ihre Arbeit auswirken wird bzw. was bedeutet es für Ihr Forschungszentrum?

Erika von Mutius: Am Helmholtz Zentrum München haben wir gemeinsam unsere Aktivitäten verstärkt, um mit unserer Expertise und unseren Ressourcen signifikante Beiträge zur Bekämpfung der Corona-Pandemie zu leisten. Wir haben dazu die Task Force fightCOVID@HMGU eingerichtet. Einige der Bereiche, für die wir Projekte aufsetzen, sind zum Beispiel Diagnostik, Kohorten und Genomik, Therapeutika und datenbasierte Ansätze. Dazu arbeiten wir insbesondere eng mit den anderen Münchner Institutionen wie der TUM und der LMU in München zusammen (zum Projekt).

Wie ist der Umgang unter Ihren Kollegen?

Erika von Mutius: Corona hat auch den Umgang mit den Kollegen verändert – wir können uns nicht mehr persönlich treffen und austauschen, aber die digitalen Mittel helfen erstaunlich gut, auch wenn sie den persönlichen Kontakt nicht ersetzen können. Aber die Solidarität ist groß. Jeder versucht zu helfen.

Wir stehen ja noch am Anfang – wie wirkt es sich jetzt schon aus?

Erika von Mutius: Neben den Einschränkungen, die uns persönlich im Arbeits- und auch im privaten Umfeld betreffen, bemerken wir die Auswirkungen der Corona-Pandemie besonders im direkten Patientenkontakt. Uns erreichen vermehrt Anfragen von Patientinnen und Patienten und deren Eltern. Oft machen sie sich Sorgen über das Infektionsrisiko oder die Gefahr eines schwereren Verlaufs von COVID-19. Sie fragen sich zum Beispiel, ob sie etwas Spezielles beachten sollten, ob es vorbeugende Maßnahmen gibt, oder man etwas an der Therapie ändern sollte. Auch über den Lungen- und Allergieinformationsdienst des Helmholtz Zentrums München, zwei Online-Portale für Patienten, die ich als wissenschaftliche Expertin unterstütze, erreichen uns vermehrt Anfragen von Patientinnen und Patienten.

Gibt es denn in dieser besonderen Situation für Asthmatiker ein Disease Management oder auch ganzspeziell Hinweise?

Erika von Mutius: Die Erfahrungen in China deuten darauf hin, dass COVID-19 nicht speziell Kinder mit Asthma trifft – unsere noch sehr limitierten Erfahrungen bestätigen diese Beobachtung. Wissenschaftlich ist das bisher jedoch nicht gut untermauert. Wir werden dieser Frage aber in der ALLIANCE Asthma-Kohorte des Deutschen Zentrums für Lungenforschung genauer nachgehen.

Was mir wichtig ist: Im Internet liest man immer wieder von Empfehlungen, dass derzeit kein Kortison eingenommen werden sollte. Das betrifft NICHT die inhalierbaren Kortison-Sprays, die bei Asthma ja ein zentraler Bestandteil der Therapie sind. Diese Sprays enthalten geringe Mengen an Kortison, die das Risiko für eine Corona-Infektion nach allem, was wir bislang wissen, NICHT erhöhen, wohl aber die asthmatische Entzündungsreaktion in den Atemwegen unterdrücken. Gerade jetzt in der Pollenzeit ist es unbedingt wichtig, dass verordnete Asthma-Sprays nicht abgesetzt, sondern wie vom Arzt empfohlen weiter genommen werden.

Die Gefahr, dass sich ein Asthma durch Absetzen des Sprays verschlechtert, ist für die einzelnen Asthma-Patienten wesentlich größer als ein mögliches, bisher nicht belegtes Ansteckungsrisiko mit SARS-Cov-2. Bei Fragen und Unsicherheiten sollten Patientinnen und Patienten immer mit ihrem behandelnden Arzt bzw. ihrer Ärztin sprechen. Bei akuten Problemen sollten die Kinder in die Kinderklinik gebracht werden. Wir führen sehr strikte Schutzmaßnahmen für unsere Patienten durch, so dass kein erhöhtes Ansteckungsrisiko besteht.

Generell gilt es natürlich den vorgeschriebenen Mindestabstand von 1,5 Metern zu wahren und sich an die empfohlenen Hygienemaßnahmen und Verhaltenshinweise zum Husten und Niesen zu halten, um sich bestmöglich vor einer Ansteckung mit dem neuartigen Coronavirus zu schützen.

Aufgrund der kurzen Zeit und bisher fehlender Studien gibt es jedoch für viele Fragen bislang kaum oder keine fundierten Kenntnisse. Forschung ist in diesen Zeiten daher umso wichtiger.

Wie reagieren Sie auf Covid-19?

Erika von Mutius: Zunächst war ich sehr besorgt, dass uns eine Welle wie in Italien überrollen würde und ich bin sehr dankbar, dass uns dies erspart geblieben ist. Jetzt müssen wir uns mit diesem Virus bis auf Weiteres im persönlichen wie im klinischen Bereich arrangieren und immer aufs neue die richtige Balance zwischen Einschränkung und Öffnung finden. In der Forschung ist es spannend und durchaus ermutigend zu sehen wie rasch immer neue Erkenntnisse in gemeinsamen Anstrengungen weltweit gewonnen werden.

Sie sprachen bereits sogenannte "Fake-News" im Internet an. Welche Webseiten würden Sie als informativ und hilfreich empfehlen?

Professorin Erika von Mutius ist Kinderärztin mit Schwerpunkt Asthma und Allergien sowie Wissenschaftlerin. Sie leitet sowohl die Asthma- und Allergieambulanz des Dr. von Haunerschen Kinderspitals in München als auch das wissenschaftliche Institut für Asthma- und Allergieprävention (IAP) am Helmholtz Zentrum München.

Kennst auch Du jemanden im Gesundheitswesen, dem Du Danke sagen möchtest? Schreib uns seine bzw. ihre Geschichte an: dankesagen(at)pkv(dot)de.