Warum ich meine kleine Tochter lieben lernen musste

16 Sep
Intro image

Im September 2012 kam meine erste Tochter auf die Welt. Perfekt, wunderschön und kerngesund. Das ist aber nicht der einzige Grund, warum ich meiner Hebamme bis heute dankbar bin. Denn ohne sie hätte mich die Geburt meiner Tochter wohl in die Psychiatrie gebracht.

Achterbahn der Gefühle

Die ersten Tage nach der Geburt sind ein Auf und Ab der Gefühle. Ich bin überfordert, glücklich, traurig und kann nicht schlafen. Fünf Tage und Nächte bin ich am Stück wach. Niemand bemerkt, wie schlecht es mir dabei zunehmend geht. Ich kann meine Traurigkeit und Überforderung gut überspielen. Alle denken, ich sei einfach nur eine frisch gebackene Mutter, die ein wenig übermüdet ist. Niemand hört die Gedanken in meinem Kopf. Gedanken, von denen ich jetzt weiß, dass sie die Vorboten einer schweren postnatalen Depression waren.

Depressionen äußern sich vielfältig. Viele Betroffene weinen und haben das Gefühl überflüssig zu sein. Andere, wie ich, sind nach außen das blühende Leben, führen aber ständig einen inneren Kampf, der für Menschen ohne diese Erkrankung oder Erfahrungen damit kaum sichtbar ist. Wenn ich allein bin, liege ich rum, schaue die Decke an und bin nur in der Gegenwart von anderen Menschen so wie früher.

Es ist daher ein Geschenk des Schicksals, dass meine Hebamme mir ansieht, dass etwas mit mir nicht stimmt. Sie nimmt mich in den Arm und sagt, dass sie glaubt, mir würde etwas auf dem Herzen liegen. Warum sie etwas merkt? Ich denke, sie spürt aus Erfahrung, dass mein Verhalten nur gespielt ist und ich vieles mit mir selbst ausmache. Ich breche in Tränen aus, versuche nach Worten zu suchen, und fühle mich schlecht. Warum kann ich mich nicht freuen? Immerhin habe ich ein wunderschönes Kind bekommen.

Meine postnatalen Depressionen werden immer schlimmer

Es vergehen weitere Wochen. Meine Hebamme lässt mich nicht aus den Augen, versucht mit mir zu sprechen, mich aus meinem Schneckenloch zu holen und mich zu unterstützen. Ich verlasse das Haus nicht, liege den ganzen Tag da und starre an die Decke. Das Kind neben mir wird dabei in meinem Kopf immer weniger „mein“ Kind, und ich erwische mich dabei, wie ich denke, dass ich dieses Kind gar nicht geboren habe. Sie wurde entbunden, aber nicht von mir. Wie das mit der Verantwortung für meine Tochter funktioniert? Ich funktioniere und bin nach außen die perfekte Mutter, die sich 24 Stunden um ihr Kind kümmert. Nur dass es in mir drin ganz anders aussieht.

Nach fünf Wochen zieht meine Hebamme die Notbremse und schickt mich zum Arzt: „Du brauchst Hilfe, und das ist überhaupt nicht schlimm.“ Mein Arzt nimmt mich ebenfalls in den Arm und erzählt mir, dass seine Frau nach der zweiten Geburt genauso empfunden hat wie ich. Sie geben mir das Gefühl, dass mein Verhalten in Ordnung ist und akzeptieren mich. In dieser Zeit kommt meine Hebamme so oft es geht. Wir reden, trinken Tee, und sie ermutigt mich, wieder nach draußen zu gehen und am Leben teilzunehmen. Sie sagt, dass auch meine seelischen Wunden mit der Zeit heilen werden.

Mit anderen Müttern rede ich kaum über meine Gedanken und Gefühle, denn ich schäme mich zu sehr. Mir ist mein Verhalten als frisch gebackene Mutter peinlich und ich kann es selbst kaum akzeptieren. Was mir in dieser Zeit hilft, sind die vielen Gespräche und die Einsicht, dass es vielen anderen Frauen so geht. Nach vier Monaten kann ich dank der Unterstützung durch meinen Arzt und meine Hebamme endlich zum ersten Mal allein mit meiner Tochter die Wohnung verlassen. Wir fahren einkaufen.

Dieser Schritt bringt mich zurück ins Leben. Ich habe mir selbst diese Aufgabe gestellt. Sie kostet mich zwar sehr viel Kraft – so viel, dass ich danach müde ins Bett falle. Aber ich kann das erste Mal seit Monaten wieder erholt schlafen.

Ohne meine Hebamme wären meine Tochter und ich heute kein Team

Nach einem Jahr sind die seelischen Wunden zwar kleiner geworden, sie sind aber noch immer da. Ich brauche etwa drei Jahre, um meinen Weg in die Mutterschaft zu akzeptieren. Ich habe verstanden, dass ich die Geburt und die ersten Wochen mit der postnatalen Depression nicht rückgängig machen kann. Ich muss lernen, damit zu leben. Wie mein Weg ohne die Betreuung meiner Hebamme ausgesehen hätte? Womöglich hätte ich jahrelang unter psychischen Problemen gelitten und wäre heute kein zweites Mal schwanger. Denn ich hatte lange Zeit Angst, durch eine erneute Schwangerschaft an diese schlimme Phase erinnert zu werden.  Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, offen über Depressionen nach Geburten zu sprechen und daraus kein Tabu zu machen. Die Betreuung durch Hebammen ist für Frauen vor und nach einer Geburt unerlässlich. Die Ängste als Mutter sind unbeschreiblich, und Frauen brauchen eine vertrauensvolle Ansprechperson, um sich verstanden zu fühlen.

Die Beziehung zwischen meiner Hebamme und mir ist sehr innig, ihre bloße Anwesenheit gibt mir Kraft und Ruhe. Jetzt, in meiner zweiten Schwangerschaft, ist sie wieder an meiner Seite und beruhigt mich, dass mir das kein zweites Mal passieren wird. Ich werde ihr wohl immer dankbar sein und sie auch später niemals vergessen.

Wollen Sie auch jemandem ganz besonders Danke sagen? Schreiben Sie uns Ihre Geschichte: dankesagen(at)pkv(dot)de