Von der Berufsschule in die Chirurgie

12 May
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Eigentlich sollten die Prüfungen längst in vollem Gange sein – aber das Coronavirus machte Ann-Sophie Schmidt wie vielen anderen Schülerinnen und Schülern einen Strich durch die Rechnung. Der Nachwuchs-Pflegeprofi hat uns erzählt, wie sie mit dieser außergewöhnlichen Situation umgeht und was sie in den vergangenen zehn Wochen auf der Station für Chirurgie der Klinik Hallerwiese erlebt hat.

Wie viele Betten haben Sie auf Station und um wie viele Menschen kümmern Sie sich täglich?

Ann-Sophie Schmidt: Auf Station haben wir derzeit circa 30 Betten. Ich kümmere mich in der Regel täglich um sechs bis sieben Patienten. Wenn die Station komplett belegt ist, sind es auch schon mal mehr. Als Schülerin behandle ich die Patienten allerdings nicht allein, es ist immer eine erfahrene Fachkraft dabei.

Was gehört zu Ihren täglichen Aufgaben?

Ann-Sophie Schmidt: Das Aufgabenspektrum ist sehr vielfältig. Zurzeit unterstütze ich meistens andere Fachkräfte bei ihren Tätigkeiten. Eine Aufgabe ist zum Beispiel das richtige Lagern der Patienten. Gerade bei älteren Menschen ist es wichtig, sie regelmäßig neu zu positionieren, damit sie keinen Dekubitus entwickeln. Wir wollen also das Wundliegen verhindern.

Was hat sich seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie in Ihrem Arbeitsalltag verändert?

Ann-Sophie Schmidt: Die erste Änderung durch Corona war, dass die Schule ausgefallen ist (lacht). Alle Schülerinnen und Schüler wurden umgehend in der Praxis eingesetzt. Momentan arbeite ich auf der chirurgischen Station der Klinik Hallerwiese. In Vorbereitung auf Covid-19 wurde hier schnell die ganze Station umstrukturiert, verschiebbare Operationen wurden abgesagt oder neu datiert. Wir haben die internistischen Patienten übernommen, da die Station für Innere Medizin zur reinen Isolationsstation für Verdachtsfälle und bestätigte Covid-19-Fälle umfunktioniert wurde. Zu den Dingen, die sich seit dem Ausbruch der Pandemie verändert haben, gehört selbstverständlich auch das Tragen einer Sicherheitsmaske für Mund und Nase. Darüber hinaus finden die täglichen Übergabebesprechungen in einem größeren Raum statt, damit alle Kollegen die Abstandsregelungen einhalten können.

Wurden die Mitarbeiter des Klinikums besonders vorbereitet, um mit den neuen Corona-Maßnahmen besser umgehen zu können?

Ann-Sophie Schmidt: Hygienestandards sind sowieso ein Teil der pflegerischen Ausbildung. Das bedeutet, dass jede Pflegefachkraft im Grunde weiß, durch welche Maßnahmen sie sich schützen kann und sollte. Dennoch gab es regelmäßige Rundschreiben der Klinikleitung, in denen über neue Regelungen informiert und deren praktische Anwendung erläutert wurde. Speziell für uns Schüler gab es Einzelgespräche und Trainings, wie wir mit den erhöhten hygienischen Anforderungen umzugehen haben.

Hatten Sie in den vergangenen Monaten manchmal Sorge, nicht mehr allen Aufgaben gewachsen zu sein?

Ann-Sophie Schmidt: Nein, eigentlich nicht. Die Situation war bei uns, wie vermutlich in allen anderen Kliniken in Deutschland, aufgrund der Pandemie besonders, weil außergewöhnlich. Ich fühlte mich aber immer gut vorbereitet. In Nürnberg gibt es mehrere Krankenhäuser, auf die Patienten im Notfall verteilt werden können. Allein dadurch fühlt man sich schon sicherer.

Wie gehen Sie als angehender Pflegeprofi mit dieser außergewöhnlichen Situation um? Haben Sie Angst, sich mit dem Coronavirus zu infizieren?

Ann-Sophie Schmidt: Angst, mich mit dem Coronavirus anzustecken, habe ich eigentlich nicht – und zwar nicht nur deshalb, weil ich jung bin und nicht zur Risikogruppe gehöre. Das liegt ganz einfach daran, dass es bei der Arbeit viele Erreger unabhängig von Covid-19 gibt, mit denen ich mich anstecken könnte, zum Beispiel für Tuberkulose. Das gehört einfach zu unserem Berufsrisiko.

Gab es in den vergangenen Wochen einen besonderen Moment, der Ihnen in Erinnerung geblieben ist?

Ann-Sophie Schmidt: Ja, wir hatten kürzlich eine über 80-jährige Patientin, die ihre Covid-19-Erkrankung gut überstanden hat. Sie wusste aufgrund ihrer Demenz nicht einmal, dass sie positiv getestet wurde und dass sie zur Risikogruppe gehört. Als wir sie gesund und munter entlassen konnten, war das schon ein sehr schönes Gefühl.

Wie erleben Sie aktuell den hohen Zuspruch aus der Bevölkerung, der die Pflegekräfte – sei es durch Klatschen von Balkonen oder Spruchbanderolen an Kliniken – erreicht?

Ann-Sophie Schmidt: An dem Punkt bin ich etwas zwiegespalten. Natürlich freut es mich, dass die Pflege derzeit im Vordergrund steht und die Menschen merken, dass Pflegefachkräfte dringend gebraucht werden. Unsere Arbeitsbedingungen müssen sich aber insgesamt und unabhängig vom Coronavirus verbessern. Es wäre wünschenswert, wenn sich auch nach Corona die Menschen so für uns einsetzen und hinter uns stehen, wie sie es derzeit machen.

Mit der Einführung der Kontaktverbote und Abstandsregelungen wurden die sogenannten Corona-Partys zu einem Phänomen: meist junge Leute, die sich treffen und Ansteckungen bewusst in Kauf nehmen oder sogar anstreben. Was denken Sie darüber?

Ann-Sophie Schmidt: Da kann ich viele meiner Generation absolut nicht verstehen. Auch wenn die meisten wissen, dass sie die Erkrankung im Falle einer Infektion wahrscheinlich gut überstehen würden, gibt es eben auch andere, gesundheitlich stark gefährdete Menschen, die man anstecken könnte. Daher sollte sich jeder gut überlegen, ob und mit wem er sich trifft und in jedem Fall die Abstandsregeln befolgen.

Die erste Infektionswelle geht zurück, mit den derzeitigen Lockerungen kehren wir langsam in Richtung eines gewohnten Alltags zurück. Virologen warnen dagegen vor einer zweiten Welle. Was möchten Sie den Menschen mit auf den Weg geben?

Ann-Sophie Schmidt: Ich weiß natürlich, wie schwer die Zeit gerade für uns alle ist und dass sich die meisten Menschen wünschen, so schnell wie möglich zur Normalität zurückzukehren. Aber wenn wir jetzt unvorsichtig sind und unbedacht handeln, wird eine zweite Infektionswelle schneller als gedacht kommen. Dann stehen wir wieder vor der Situation, alles tun zu müssen, um unser Gesundheitssystem nicht zu überlasten. Das bedeutet, alle Einschränkungen und Verbote kämen wieder. Das können wir nicht wollen. Deshalb sollte jeder auf sich und auf andere achtgeben, weiterhin Abstand halten, die Empfehlungen zur Händehygiene befolgen und einen Mund- und Nasenschutz tragen. Und bitte bitte, lasst die Hamsterkäufe. Das hat wirklich genervt.

Ann-Sophie Schmidt ist eine von Deutschlands beliebtesten Pflegeprofis: Beim gleichnamigen PKV-Wettbewerb ist die 21-Jährige im vergangenen Jahr in der Kategorie "Azubi" auf den ersten Platz gewählt worden. Aktuell befindet sich Ann-Sophie Schmidt am Ende des dritten Ausbildungsjahres zur Gesundheits- und Krankenpflegerin am Klinik Hallerwiese-Cnopfsche Kinderklinik in Nürnberg.

Kennst Du jemanden im Gesundheitswesen, dem Du Danke sagen möchtest? Schreib uns seine bzw. ihre Geschichte an: dankesagen(at)pkv(dot)de.