Und plötzlich ist alles anders

27 Apr
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Das war einer dieser Momente, dieser kurze Augenblick, ein Wimpernschlag, der ein Leben komplett verändert. Große Ereignisse, wirklich große, kündigen sich niemals lange zuvor an. Sie passieren. Von jetzt auf gleich. Sie erwischen einen eiskalt. Werfen einen aus der mehr oder weniger geregelten Bahn.

Es geschah vor etwa einem Jahr, kurz vor Weihnachten, am 17. Dezember 2016. Unsere engste Familie war angereist. Es wird geplaudert, gespielt – und Tee gekocht. Der Wasserkocher brodelt, ich gieße den Tee auf. Plötzlich platzt die Karaffe und zerspringt in zwei Teile. Das kochend heiße Wasser sprudelt wie ein Wasserfall aus dem Gefäß und ergießt sich auf den Boden.

Ich springe instinktiv zur Seite und erblicke dabei im Augenwinkel meinen kleinen Sohn Nelson, gerade ein Jahr alt geworden. Er steht auf dem Fußboden, regungslos. Um ihn herum eine Pfütze. Ehe ich registriere, was da gerade passiert ist, nehme ich ihn sofort hoch auf den Arm. Und erst, als er sich mit der Hand Hals und Gesicht reibt, ahne ich, was hier gerade geschehen ist.

Erste-Hilfe-Maßnahmen bei Verbrennungen: Kühlen, Kühlen, Kühlen


Die Haut reibt sich ab wie weiche Butter. Das rohe, helle Fleisch wird sichtbar. Sofort ziehe ich ihm die durchnässte Kleidung aus und kühle mit Wasser. Wähle parallel die 112. Notärzte und Rettungswagen treffen innerhalb nur weniger Minuten ein, versorgen die großflächigen Verbrühungen und bereiten alles für den Transport ins nahe gelegene Unfallkrankenhaus Berlin (UKB) vor. Es gilt als eine der besten und fortschrittlichsten Kliniken in Europa bei schweren Brandverletzungen.

Anfangs kann uns noch keiner genau sagen, wie es weitergeht. Was in so einer Schwebephase sehr hilft, ist die sofortige psychologische und seelsorgerische Unterstützung. Ein persönliches Gespräch hilft, über Sorgen und Ängste zu reden, Trost zu finden, neuen Mut zu fassen und Ungewissheiten zu klären. Das UKB hat hier ein sehr erfahrenes Expertenteam. Überhaupt ist das gesamte Ärzte- und Pflegepersonal auf der Station für Schwerbrandverletzte großartig. Man spürt den festen Zusammenhalt und die Empathie, trotz professioneller Distanz. Die schweren Schicksale scheinen es zu sein, die hier am UKB alle einen – Ärzte wie Patienten.

Heiße Flüssigkeiten können bereits ab einer Temperatur von 52 Grad Celsius die Haut eines Menschen schädigen. Je nach Tiefe der Verletzung spricht man von Verbrennungen ersten, zweiten oder dritten Grades – der dritte Grad ist der schwerste. Wir erfahren: Bei Nelson sind die Verbrennungen an Hals, Schulter, Brust, Bauch und an den Armen; der Schweregrad liegt bei 2b bis 3. Die betroffenen Stellen müssen operativ mit Spalthaut vom Kopf transplantiert werden. Rund drei Wochen verbringen wir im UKB.

Intensive  Nachsorge der Brandverletzungen dauert lange


Nach dieser anfänglichen Akutphase beginnt die Langzeitbehandlung: eine Kompressionstherapie. Für jede Verbrennung gibt es eine entsprechende Kompressionsbekleidung. Nelson bekommt eine Wechselgarnitur, alle 24 Stunden muss seine Kompressionskleidung behutsam gewaschen werden. Ohne eine spezielle Anziehhilfe wäre es unmöglich, die hautenge Kleidung anzubekommen. Alle Eltern können sicher gut nachvollziehen, wie schwierig es alleine schon ist, kleinen Kindern überhaupt irgendetwas anzuziehen. Und wenn es dann noch so eng ist… Hier müssen wir erfinderisch sein – und vor allem durchhalten.

Wir merken schnell, dass eine Kompressionstherapie sehr individuell ist, und erst mit Ausprobieren findet man den richtigen Weg. Auf Anraten guter Freunde, die vor Jahren ein ähnliches Schicksal erlebt haben, treten wir die Reise nach Würzburg an. Dort arbeitet Gertrud, gelernte Kinderkrankenschwester und seit über 40 Jahren Fachpflegekraft für die Pflege und Nachsorge brandverletzter Kinder und Jugendlicher. Man spürt sofort die Routine. Die Leidenschaft. Ihre Berufung ist es, Kindern und deren Familien bestmöglich zu helfen. Jeder Handgriff sitzt. Nelson sieht sie zum allerersten Mal, er lässt jedoch alles ganz entspannt mit sich machen. Die aufwendige Vermessungsprozedur stört ihn überhaupt nicht, obwohl alles neu und fremd ist. Er spürt sofort, dass ihm hier jemand helfen möchte. Aus tiefstem inneren Antrieb. Durch ihre unaufdringlich sympathische Art und ihre Expertise vermag sie es, uns Mut zu machen. Mit ihr beschreiten wir von nun an den weiteren Genesungsweg. Und hoffentlich haben in Zukunft noch viele betroffene Kinder das Glück, von ihr betreut zu werden.

Wir sagen Danke


Als wir so lange im Krankenhaus waren mit Nelson, haben wir uns nach dem Tag gesehnt, an dem alles einfach wieder gut ist. Wir alle gemeinsam zuhause sind, Nelson irgendwo fröhlich spielt und alle gesund sind. Und auf einmal war dieser Tag da. Uns kam es damals vor, als lägen Jahre hinter uns. Ein solcher Schicksalsschlag lehrt Demut. Dankbarkeit verspüren wir immer noch jeden Tag. Und regen uns über die kleinen Dinge, die mal nicht ganz so rund laufen, nicht mehr auf. In dieser intensiven Zeit sagte ein guter Freund einmal zu uns, dass solche Phasen Familien entweder zerbrechen oder stärker zusammenwachsen lassen. Letzteres scheint bei uns der Fall zu sein: Seit Ostern ist Nelson stolzer großer Bruder der kleinen Scarlett.

Wollen auch Sie Ärzten oder Pflegeprofis Danke sagen? Hier geht's: www.dankesagen.de