So jung und so einfühlsam

05 Aug
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Ich weiß noch, wie ich mich voller Vorfreude ans Steuer meines Autos setzte, um zu meiner Gynäkologin zu fahren. Es war endlich wieder soweit: Ich würde einen Blick auf meinen kleinen Bauchbewohner erhaschen können. Dass der Ultraschall letztlich unter ganz anderen Bedingungen im Universitätsklinikum stattfinden würde, wusste ich da natürlich noch nicht...

Ich war keine fünf Minuten gefahren, als ich im Verkehr hinter mir einen lauten Knall vernahm. Obwohl die nächsten Momente nur wenige Sekunden gedauert haben konnten, kommt es mir vor, als hätte ich jedes Detail im Zeitraffer erlebt. Ich blickte in den Rückspiegel und sah ein Auto immer näher und näher kommen. „Warum bremst er nicht? Er muss JETZT bremsen, sonst … .“ Ein erneuter Knall. Die Wucht des Aufpralls drückte mich gegen mein Lenkrad, der Sicherheitsgurt schnürte sich in Hals, Brust und Bauch. Mein einziger Gedanke war: „Mein Baby!“ Ich war damals in der 25. Schwangerschaftswoche, was ungefähr dem 6. Monat entspricht. Natürlich war meine Sorge unendlich groß. Zum Glück war kein Auto mehr vor mir, sodass nicht noch mehr Fahrzeuge in den Unfall verwickelt wurden.

Später stellte die Polizei einen Auffahrunfall mit drei beteiligten PKW fest. Ein älterer Herr im hintersten Wagen war zu schnell unterwegs, konnte nicht bremsen, knallte in das vor ihm fahrende Auto, das seinerseits in mein Auto hineinfuhr. Es müssen 30 - 40 km/h gewesen sein. Eigentlich nicht sonderlich schnell, hätte ich bis zu diesem Zeitpunkt gesagt. Allerdings fühlt es sich anders an, wenn man den Aufprall spürt, denn dieser war gigantisch.

Auf dem Weg ins Krankenhaus konnte ich nur weinen


Ich saß einfach nur da, festgeschnürt auf dem Fahrersitz mit beiden Händen schützend meinen Bauch festhaltend, und weinte. Von draußen hörte ich einen Mann schreien. „Sie ist schwanger!“ Einige Sekunden später öffnete ein Rettungssanitäter die Fahrertür.

Im Rettungswagen wurde ich von einer Notärztin untersucht, die entschied, mich auf schnellstem Weg ins Universitätsklinikum zu fahren, um einen Ultraschall durchführen zu lassen. Angeschnallt auf der Liege raste der Rettungswagen mit Blaulicht quer durch die Stadt.

Meine Sorge war unendlich groß, denn ich wusste nicht, inwieweit sich der Zug des Sicherheitsgurtes und der Druck gegen das Lenkrad auf das Ungeborene ausgewirkt hatten. Ich konnte einfach nicht aufhören zu weinen. Der Rettungssanitäter, der neben mir saß, bemühte sich unglaublich, um mich abzulenken. Er war noch sehr jung. Ich schätzte ihn auf Anfang zwanzig. Gerade deswegen hat mir seine Reaktion so imponiert. Einem Familienvater, der weiß, wie sich eine schwangere Frau fühlt, hätte ich solche Fürsorge zugetraut. Aber nicht einem so jungen Mann. Er war sehr empathisch und redete mir gut zu. Dass alles gut werden würde, ob ich denn schon wüsste, was es werden würde, ob wir bereits einen Namen hätten. Als er merkte, dass die Tränen bei mir nicht aufhörten, wechselte er das Thema. Eigentlich führte er einen Monolog, dem ich trotzdem gern lauschte, denn meine Sorgen rückten kurzzeitig in den Hintergrund. Als wir am Krankenhaus ankamen, wusste ich alles über seinen Fußballverein, sein letztes Spiel und seine offensichtliche Affinität für Mannschaftssport.

Er brachte mich mit dem Rollstuhl in den Kreißsaal, wo mich bereits mein Mann und die leitende Oberärztin in Empfang nahmen. Er wünschte mir alles Gute und verschwand. Mehr als ein leises „Danke!“ war ich in dem Moment nicht fähig zu antworten.

Warum ich meinem Retter nicht richtig Danke sagen konnte


Reflektierend, aus der heutigen Perspektive, hätte ich ihm noch viel mehr und stärker danken müssen. Ich weiß weder, wie er heißt, noch kann ich mich an sein Aussehen oder seine Statur erinnern. Der ganze Unfall existiert in meinem Gedächtnis nur noch verschwommen und bruchstückhaft. Trotzdem möchte ich auf diesem Weg gerne meine aufrichtige Dankbarkeit aussprechen. Wir nehmen es als Selbstverständlichkeit hin, dass in Notsituationen ein Rettungswagen innerhalb von Minuten zur Stelle ist, um zu helfen. Doch ist es keine Selbstverständlichkeit, und vor allem nicht, mit solcher Herzlichkeit behandelt zu werden. Danke! Danke! Danke!

PS: Die Ultraschalluntersuchung war unauffällig. Vier Monate später brachte ich im gleichen Krankenhaus, bei der gleichen Oberärztin, einen gesunden Jungen zur Welt.

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