Notfälle muss man trainieren

15 Apr
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Neulich sah ich wieder einmal einen Krankenwagen mit Blaulicht auf dem Weg zur nächsten Klinik an mir vorbeifahren. Ich fragte mich: Was passiert dort eigentlich genau? Welche Abläufe gibt es in einer Notaufnahme, wenn man nach einem Sturz oder Unfall nicht nur einen blauen Fleck hat, sondern wirklich schwer verletzt ist?

Also habe ich einmal nachgefragt und mit dem Pflegedienstleiter der Rettungsstelle vom Unfallkrankenhaus Berlin, Stefan Wollschläger,  gesprochen. Er erzählte mir anhand von zwei Beispielen, wie die Abläufe in der Notaufnahme sind, und von einer ganz eigenen Sprache, die dort verwendet wird.

Banale Prellung oder komplizierter Knochenbruch?

„Nehmen wir beispielsweise an, ein Mann wird nach einem Arbeitsunfall zu uns gebracht. Er ist von einer Leiter gefallen, sein Bein tut ihm weh, und der Rettungsdienst bringt ihn in die Notaufnahme. Dann nehmen wir hier erst einmal eine Ersteinschätzung vor: Handelt es sich um eine banale Prellung oder um einen komplizierten Knochenbruch? Es wird geschaut, ob der Mann ein Schmerzmittel benötigt, und es kommt ein Arzt, der eine Anamnese macht“, berichtet Wollschläger. Das bedeutet, dass der Arzt sich genau die Geschichte des Mannes anhört: Er fragt unter anderem, wie der Unfall passiert ist, ob sich der Patient an alles erinnern kann oder bewusstlos war und ob er noch weitere Beschwerden hat. Der Arzt fragt ihn vielleicht auch zu vorherigen Unfällen und Krankheiten. 

Danach geht es meist zum Röntgen. „Durch die Bildgebung zeigt sich schnell, ob etwas gebrochen ist oder nicht. Wenn ja, muss eventuell operiert werden oder der Patient bekommt einen Gips und wird im Krankenhaus auf die Station aufgenommen. Wenn es nur eine starke Prellung ist, wird der Patient nach Hause entlassen“, sagt Wollschläger.

Notarzt ist immer dabei

Bei einem schweren Unfall sieht es dagegen komplett anders aus. „Wird ein Patient zum Beispiel nach einem schweren Fahrradunfall mit dem Rettungswagen zu uns gebracht, dann ist auch immer ein Notarzt dabei, der den Patienten auf dem Weg zu uns überwacht und stabilisiert. Ein solcher Patient wird im Vorfeld in der Notaufnahme angemeldet, und ein Team steht bei seinem Eintreffen schon im ‚Schockraum‘ bereit“, erklärt mir der Pflegedienstleiter. So ein Team besteht in der Regel aus vier Spezialisten, darunter einem Unfallchirurgen, einem Anästhesisten und einer Fachpflegekraft; das kann aber je nach Fall variieren. Mit ‚Schockraum‘ bezeichnet man einen Intensivbehandlungsplatz in der Rettungsstelle, wo modernste Technik für die Lebensrettung bereit steht.  „Dort wird erst einmal überprüft, ob der Kreislauf stabil ist und ob der Patient z.B. starke Schmerzmittel benötigt oder sogar künstlich beatmet werden muss.“

Wenn der einliefernde Notarzt den Patienten im Schockraum an das Spezialisten-Team übergibt,  kommt auch eine ganz eigene Sprache ins Spiel. „Wir sprechen dann nicht mehr von Kreislauf oder Atmung, sondern von A-, B-, C- D- oder E-Problem.“ Diese Sprache bildet das ATLS-Rettungssystem ab. Das steht für: „Advanced Trauma Life Support“, ein standardisiertes Verfahren zur möglichst effektiven Einschätzung und schnellen Einleitung von Behandlungsschritten bei  Schwerverletzten oder Erkrankten.

„Nachdem sichergestellt ist, dass der Patient kreislaufstabil ist, wird zuerst eine Computertomografie durchgeführt. Anschließend wird entschieden, ob der Patient schnellstens operiert werden muss, oder ob er zur Überwachung auf eine Intensivstation verlegt werden kann“, sagt der Pflegedienstleiter. Die Abläufe in der Notaufnahme sind strukturiert und standardisiert. Ärzte und Pflegekräfte arbeiten Hand in Hand. Doch wofür stehen jetzt eigentlich die einzelnen Buchstaben?

Die eigene Sprache der Retter

„Man fängt bei der Überprüfung und Beschreibung des verletzen Menschen bei den lebenswichtigen Körperfunktionen an und arbeitet sich dann entsprechend der Dringlichkeit der betroffenen Gebiete langsam vor“, sagt Wollschläger. Es fängt daher bei A wie Atemwege an und hört bei E (englisch: „exposure“ für das Umfeld) auf.

Bei Punkt A wird untersucht, ob die Atemwege frei und unverletzt sind. Punkt B steht für die Belüftung der Lunge: Geht die Atmung normal, oder gibt es beispielsweise Atemgeräusche, die auf eine Quetschung der Lunge hindeuten? C steht für „circulation“, den Kreislauf: Darunter fallen Temperatur, Hautfarbe, Puls, Blutdruck, starke äußere oder innere Blutungen. Bei D wird nach neurologischen Defiziten geschaut: Wie ist die Pupillenreaktion oder die Bewusstseinslage? Bei E geht es dann wie gesagt um das Umfeld. Hier wird der gesamte Körper des Patienten vom Kopf bis zu den Füßen sorgfältig auf Verletzungen wie Blutergüsse, Knochenbrüche oder Hautveränderungen untersucht.

Damit das Personal in der Notaufnahme auf alle Arten von Notfällen jederzeit optimal vorbereitet ist, gibt es in einigen Kliniken einmal im Monat ein Simulationstraining. Dabei spielt das gesamte Team - Ärzte und Fachpflegekräfte - verschiedene Notsituationen an computergesteuerten Puppen durch. Es wird alles mit mehreren Kameras gefilmt, und am Ende wird das Vorgehen jedes einzelnen Teilnehmers ausführlich besprochen. „Diese Trainings hat man sich von der Luftfahrt abgeschaut“, erklärt mir Wollschläger.

Ganz schön beruhigend zu wissen, dass Schwerverletzten hier nicht nur die modernste Technik hilft, sondern auch optimal auf diese Fälle vorbereitetes Personal, ob Arzt oder Pfleger. Waren Sie schon mal in dieser Situation? Dann sagen Sie Ihren Rettern doch Danke: www.dankesagen.de

(Bild: iStock-187022029)