Neue Therapie bietet hohe Heilungschancen bei Magersucht

05 Jun
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Bei der Behandlung von Magersucht gibt es bislang eine sehr hohe Rückfallquote von 30 bis 40 Prozent. Prof. Dr. med. Beate Herpertz-Dahlmann und ihr Team von der Uniklinik RWTH Aachen erarbeiteten darum das neue Konzept "Home Treatment". Es erlaubt, Patienten mit Magersicht daheim zu behandeln – und es verspricht deutliche höhere Therapieerfolge.

Jugendliche wollen oft nicht ins Krankenhaus

Magersüchtige Jugendliche wollen trotz ihres bedrohlichen Zustandes oft nicht ins Krankenhaus. Auch Aron Boks wollte nicht wahrhaben, dass er eine Essstörung hat. "Erst nachdem meine Mutter und meine besten Freunde mich von einer Therapie überzeugten, war ich bereit für die Klinik", erinnert sich der Autor von "Luft nach Unten", ein Buch über das Leben mit Magersucht.

Vor zehn Jahren führte Beate Herpertz-Dahlmann eine große Studie über tagesklinische Behandlungen mit 170 Patienten durch. Die Auswertung der Studie ergab, dass sich die Rückfallquote halbierte, wenn die Patienten statt vollstationär in einer Tagesklinik behandelt wurden.

Im Home Treatment werden Jugendliche zu Hause behandelt

Trotzdem wollte Beate Herpertz-Dahlmann den Heilungserfolg noch weiter steigern. Die Leiterin der Universitätsklinik wandte sich darum an die Patienten, um herauszufinden, warum viele Magersüchtige rückfällig werden. "Da der Übergang von der stationären Behandlung nach Hause als sehr schwierig und auch einsam bezeichnet wurde, entwickelten wir ein bisher einmaliges Projekt, in dem die Patienten mit Magersucht schon nach der stationären Stabilisierungsphase von maximal acht Wochen zurück nach Hause dürfen", berichtet Herpertz-Dahlmann. In den folgenden Monaten werden die Jugendlichen mehrmals wöchentlich zu Hause besucht und behandelt.

"Durch die Betreuung der Kinder und ihrer Familien in vertrauter Umgebung konnten wir die Erfolgsrate für eine Heilung enorm steigern", freut sich die Leiterin der Uniklinik Aachen . Aron wohnt leider nicht in Aachen und konnte darum nicht an dem Home Treatment teilnehmen. "Hätte ich zu Hause behandelt werden können, wäre einiges vermutlich schneller gegangen. Ich war in teilstationärer Behandlung, das war gut aber auch schwer mit dem ständigen Rückzug in die damals noch sehr essgestörten Gedanken."

Ein Heilungserfolg von 90 Prozent

2017 startete die Uniklinik Aachen ihre zweijährige Pilotstudie, an der privat sowie gesetzlich Versicherte gleichermaßen teilnehmen konnten. Insgesamt wurden von 20 Patienten nach einem Jahr nur zwei Magersüchtige rückfällig: ein Heilungserfolg von 90 Prozent.

Meistens sind die Patienten der Uniklinik Aachen am Anfang der Behandlung sehr dünn und schwach. "Wir beginnen zunächst mit Nahrungsaufbau und -beratung. Wir versuchen, die Eltern früh einzubeziehen und laden sie schon auf Station zum Familienessen ein. Nach zwei Monaten beginnt das viermonatige Home Treatment", beschreibt Beate Herpertz-Dahlmann. "Besonders ist, dass die Patienten am Anfang viermal die Woche von je einer Krankenschwester, einem Ernährungsberater, Ergotherapeuten und einem Arzt besucht werden. Berichtet uns die Mutter einer Patientin, dass ihre Tochter Brotscheiben abwiegt und sie nicht weiß, was sie machen soll, versucht z.B. die Ernährungsberaterin zu helfen. Sie geht mit der Patientin zusammen einkaufen oder isst mit der Familie. Die Ergotherapeutin hilft der Patientin z.B. die Kleidung durchzuschauen, um zu enge Kleider gleich auszusortieren."

Home Treatment auch für andere Kliniken

Das Home Treatment ist ganz individuell auf die Patienten abgestimmt. "Wir sind überglücklich, dass unser Home Treatment so vielen Patienten helfen konnte und wir bieten diese Behandlung deshalb auch weiterhin an. Unser Wunsch ist es, diese Methode in anderen Kliniken in NRW und hoffentlich später in ganz Deutschland auszurollen. Darum haben wir uns für den Innovationsfond 2020 beworben", erklärt Beate Herpertz-Dahlmann. Der Behandlungserfolg hat auch die Private Krankenversicherung (PKV) überzeugt. Der PKV-Verband hat deshalb mit dem Universitätsklinikum Aachen eine Rahmenvereinbarung getroffen. Gerne würde das Projekt- Team andere Kliniken schulen, um eine größere Zahl an Patienten behandeln zu können. Denn zurzeit können nur Patienten, die maximal eine Stunde entfernt wohnen, am Home Treatment teilnehmen.

Den Flyer für mehr Informationen findest Du hier.

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