"Mit Beginn der Corona-Pandemie hat sich für uns alles verändert."

12 May
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Die Corona-Pandemie hat die Pflegeheime in Deutschland vor ganz besonders große Herausforderungen gestellt. Schließlich leben in den Einrichtungen bedürftige Menschen, die in besonderer Weise gesundheitlich durch das Virus bedroht sind. Wir wollten von Christina Grahl erfahren, was sie als Pflegedirektorin einer großen Einrichtung in den vergangenen zehn Wochen erlebt hat und wie sie mit ihrer immensen Verantwortung umgeht.

Wie groß sind Ihre Einrichtungen bzw. für wie viele Bewohnerinnen und Bewohner sind Sie insgesamt verantwortlich?

Christina Grahl: Ich bin die Pflegedirektorin von acht Einrichtungen an insgesamt drei Standorten – Neustadt, Oldenburg und Heiligenhafen. Aktuell wohnen bei uns in den acht Einrichtungen 555 pflegebedürftige Menschen.

Was hat sich seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie in Ihrem Arbeitsalltag verändert?

Christina Grahl: Der Arbeitstag, den ich bis zum Ausbruch der Krise kannte, existiert nicht mehr. Mit dem Beginn der Corona-Pandemie hat sich für mich und meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Grund alles verändert. Wir mussten von einer auf die andere Minute den Hebel umlegen und auf Krisenmanagement schalten. Die größte Herausforderung war, die Verordnungen und Erlasse der verschiedenen Behörden und der Gesundheitsämter unmittelbar umzusetzen. Das erfordert immense organisatorische Anstrengungen und es braucht engagierte Kollegen, die an einem Strang ziehen und die neuen Richtlinien bspw. zum Kontaktverbot, Besuchsverbot und den anderen Quarantäneregeln mit den Bewohnern sorgsam besprechen und umsetzen.

Wie kann man sich das in der Praxis vorstellen?

Christina Grahl: AMEOS ist ein großer, multiprofessioneller Träger, der sehr schnell einen Krisenstab gebildet hat. Das bedeutet, dass wir uns Tag für Tag in zahlreichen Telefonkonferenzen eng miteinander abgestimmt haben, welche Maßnahmen wir ergreifen müssen, um die Richtlinien der Bundes- und Landesregierung umzusetzen. Hinzu kam die Frage: Wie können wir die Empfehlungen des Robert Koch-Institut umsetzen - und zwar immer unter der Maßgabe, so behutsam wie möglich in den Alltag der bedürftigen Menschen einzugreifen? So gesehen hat sich der Arbeitsalltag zwar verändert, der Fokus ist allerdings gleichgeblieben: Das Wohl und die Gesundheit der Bewohnerinnen und Bewohner zu schützen.

Was waren neben diesen organisatorischen Herausforderungen weitere zentrale Aufgaben Ihres Krisenmanagements?

Christina Grahl: Mir ist es wichtig, meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gegenüber Sicherheit auszustrahlen. Sie leisten einen herausragenden Job. Damit sie das tun können, muss ich mich optimal informieren und wissen, welche gut durchdachten Pläne es zur Bewältigung der Krise gibt, die wir dann gemeinsam umsetzen können.

Wie hat sich der Arbeitsalltag in der Pflegeinrichtung, d.h. im Umgang mit den Bewohnerinnen und Bewohnern verändert? Können Sie uns ein Beispiel nennen?

Christina Grahl: Eine große Herausforderung besteht darin, unseren psychiatrisch erkrankten Bewohnern und Bewohnerinnen zu erklären, was gerade in der Welt passiert. Häufig fehlt ihnen das Verständnis, warum diese drastischen Einschnitte in ihr Privatleben notwendig sind und teilweise sogar den Eingriff in ihre Freiheitsrechte erfordern. Das ist für meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter oftmals herausfordernd, wenn sie die notwendigen Maßnahmen erklären müssen. Das erfordert ein hohes Maß an sozialer Kompetenz, d.h. sehr viel Feingefühl und Empathie der Mitarbeiter. Das haben sie in den vergangenen Wochen sehr ruhig und geduldig gelöst, trotz ihrer unzähligen anderen Aufgaben.

Können Sie das genauer beschreiben?

Christina Grahl: Es ist nicht einfach unseren diesen Bewohnern zu erklären, dass sie einen Mund- und Nasenschutz tragen müssen, um sich und andere zu schützen oder dass sie keinen Besuch der Angehörigen empfangen dürfen, damit sie nicht erkranken und ihre Gesundheit gefährdet ist. Daher ist es wichtig, nicht nur zu erklären, sondern ganz konkret für Abwechslung zu sorgen. Das bedeutet, wenn wir schon derart massiv in den Alltag eingreifen, dann müssen wir verstärkt Alternativangebote schaffen, die unsere Bewohner ablenken und auf andere Gedanken bringen. So planen wir z.B. Hofkonzerte oder andere Unterhaltungsangebote, denen unsere Bewohner vom Fenster aus zusehen und lauschen können.

Wie haben Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf die neue Situation mit den dazugehörigen Maßnahmen reagiert?

Christina Grahl: Zu Beginn habe ich eine große Unsicherheit verspürt und die Sorge, sich selber infizieren zu können. Da war es wichtig, viele persönliche, wenn auch telefonische Gespräche zu führen. Wenn ich jetzt auf die vergangenen Wochen blicke, kann ich nur sagen, wie wunderbar wir das alle gemeistert haben. Ich habe das Gefühl, dass alle – wenn schon nicht räumlich, so doch mental und emotional – noch enger zusammengerückt sind. Jeder hat gemerkt, wir können diese Krise nur zusammen überwinden und wir können auch nur zusammen den Bewohnern das Gefühl geben: "Wir schaffen das hier! Ihr könnt euch weiterhin bei uns sicher und wohl fühlen."

Hatten Sie Corona-Fälle bei sich in einer der Einrichtungen?

Christina Grahl: Glücklicherweise nein (klopft dreimal auf Holz). Wir hatten natürlich einige Verdachtsfälle, die sich aber nicht bestätigt haben. Trotz allem waren und sind zum Teil noch die Quarantänemaßnahmen für Verdachtsfälle sehr schwer für uns umzusetzen. Wenn zum Beispiel ein Bewohner aus dem Krankenhaus entlassen wurde und in die Einrichtung zurückkehrte, dann musste er 14 Tage isoliert versorgt und betreut werden. Dies räumlich und personell zu bewerkstelligen, war und ist schon ein wirklicher Kraftakt und nicht immer einfach. Aktuell haben wir keinen Bewohner mehr in Quarantäne.

Gab es in den vergangenen Wochen einen besonderen Moment, der Ihnen in Erinnerung geblieben ist?

Christina Grahl: Ja, das war der Moment, in dem man gespürt hat, dass die Gesellschaft merkt, was die Pflege für wertvolle und wichtige Arbeit leistet. Man merkt, dass viele Menschen dankbar dafür sind, was Pflege für die Menschen leisten. Da bekommen wir momentan wirklich schöne Rückmeldungen. Darüber hinaus ist die Hilfsbereitschaft enorm. Wir bekommen Angebote von Menschen, die uns bzw. den Bewohnern Schutzmasken – auch in größeren Stückzahlen – nähen möchten. Das ist schon ein sehr schönes Gefühl.

Glauben Sie, dass durch diese Krise vielleicht ein Umdenken stattfindet, nämlich, dass Pflege mehr Aufmerksamkeit und mehr Wertschätzung bekommt?

Christina Grahl: Ich wünsche es mir. Momentan scheint die Gesellschaft zu realisieren, dass die Pflege so viel mehr wert ist als es in der Vergangenheit vermutet wurde und dass die Pflegekräfte es verdient haben, mehr Wertschätzung zu erfahren. Allein die Verantwortung ist immens: Unser Pflegepersonal hat anders als in einem Krankenhaus keinen Arzt in unmittelbarer Nähe, den es ansprechen und um Rat fragen kann. Unsere Mitarbeiter sind häufig mehr als nur das Personal für unsere Bewohner – sie sind ihre Familie. Sie sind täglich für sie da und begleiten sie. Daher hat in meinen Augen die Corona-Krise gezeigt, dass die Pflege die Aufmerksamkeit bekommen muss, die sie verdient.

Gab es in den vergangenen Monaten einen Moment indem Sie dachten, die Situation könnte Ihnen aus den Händen gleiten?

Christina Grahl: Nein, das eigentlich nicht. Das liegt aber daran, dass die Kommunikation und der Austausch mit den Behörden, mit unseren anderen Einrichtungen an verschiedenen Standorten länderübergreifend reibungslos funktioniert. Der einzige Moment, in dem ich nervös wurde war, als in den Medien breit über die Lieferengpässe von Schutzkleidung und Hygieneprodukten wie Desinfektionsmitteln berichtet wurde. Inzwischen haben wir einen guten Vorrat angelegt, so dass wir auch bei einem möglichen Ausbruch in einem unserer Häuser nicht in diesbezügliche Schwierigkeiten geraten würden.

Christina Grahl: Die erste Infektionswelle geht zurück, mit den derzeitigen Lockerungen nähern wir uns wieder allmählich dem gewohnten Alltag. Virologen warnen vor einer zweiten Welle. Was würden Sie den Menschen in Deutschland mit auf dem Weg geben?

Christina Grahl: Weiterhin achtsam bleiben. Weiterhin Rücksicht auf die Umgebung, die anderen Menschen nehmen. Es könnten Personen sein, die aufgrund ihres Alters oder des persönlichen gesundheitlichen Zustandes zur Risikogruppe gehören. Diese Menschen dürfen wir keinem erhöhten Infektionsrisiko aussetzen. Dann werden wir auch weiterhin in der Krise so gut dastehen wie wir es bislang getan haben.

Christina Grahl wurde vergangenes Jahr zum beliebtesten Pflegeprofi Schleswig-Holsteins gewählt. Die 34-Jährige arbeitet seit 2006 für die AMEOS Pflege in Holstein und ist als Pflegedirektorin für über 550 Bewohner an mehreren Standorten verantwortlich.

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