Im Einsatz gegen das Vergessen

20 Sep
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Mehr als 300.000 Menschen erkranken jährlich in Deutschland an Demenz. In Deutschland widmen sich zahlreiche Verbände, Forschungsteams und Stiftungen der vielseitigen Krankheit. So auch Dr. Ann-Kristin Folkerts. Wir wollten mehr über ihre tägliche Arbeit, und wo Betroffenen und Angehörigen von Personen mit Demenz geholfen wird, erfahren.

Einblick aus Theorie und Praxis: Dr. Ann-Kristin Folkerts

Dem Fortschreiten der Demenzen in der alternden Bevölkerung haben sich in Deutschland zahlreiche Verbände, Forschungsteams und Stiftungen gegenübergestellt, die Licht in das Dunkel der vielseitigen Krankheit bringen wollen. So auch Dr. Ann-Kristin Folkerts. Sie ist Gerontologin, also eine Wissenschaftlerin, die sich mit dem menschlichen Alter und dem Altern befasst. Frau Dr. Folkerts arbeitet seit 2015 in der Medizinischen Psychologie der Uniklinik Köln (Leitung: Prof. Dr. Elke Kalbe) und widmet sich dort u.a. den nicht-pharmakologischen Interventionen (z. B. kognitive Verfahren oder "Gedächtnistraining") bei neurodegenerativen Erkrankungen (v. a. Demenzen und Morbus Parkinson). Kürzlich erst hat sie ihre Doktorarbeit mit dem Titel "Kognitive Interventionen zur Therapie kognitiver Störungen bei Patientinnen und Patienten mit neurodegenerativen Erkrankungen" veröffentlicht. Wir wollten mehr über die tägliche Arbeit von Frau Dr. Folkerts erfahren und haben uns daher mit ihr in Verbindung gesetzt.

PKV: Wir wissen bereits, dass es im Rahmen Ihrer Forschungen um das breite Thema Parkinson-Demenz geht. Worum kreisen Ihre Forschungen im Speziellen und inwiefern kommen Sie selbst auch mit Betroffenen in Kontakt?

Frau Dr. Folkerts: Aktuell forsche ich vorrangig zu psychosozialen, also nicht-medikamentösen Ansätzen bei Demenzen und Morbus Parkinson. Hierbei untersuchen wir z. B. die Effekte von kognitivem Training oder kognitiver Stimulation ("Gedächtnistraining") bei Patienten mit leichten kognitiven Störungen (einer möglichen Vorstufe einer demenziellen Erkrankung) oder Demenz. Neben der Wirksamkeit solcher Therapieoptionen sind wir auch daran interessiert herauszufinden, welche Patienten-Charakteristik (z. B. soziodemographische, neuropsychologische, klinische oder genetische Parameter) mit einem besonders großen Trainingserfolg assoziiert ist. Dies ist wichtig, um die Therapieinhalte zukünftig möglichst zielgruppenspezifisch anbieten zu können. Auch effektive Möglichkeiten der Demenzprävention über die gesamte Lebensspanne (ab dem Kindesalter) stellen einen unserer Forschungsschwerpunkte dar.

PKV: Wie würden Sie Demenz und Parkinson erklären?

Frau Dr. Folkerts: Das demenzielle Syndrom wird definiert durch Veränderungen der Denkprozesse, die so stark ausgeprägt sind, dass sie die Alltagskompetenz der Patient*innen maßgeblich beeinträchtigen. Im Verlauf ist ein unabhängiges und selbstständiges Leben nicht mehr möglich. Hierbei ist wichtig, dass es sich nicht nur um einen Abbau des Gedächtnisses handeln kann, sondern auch Defizite in anderen sog. kognitiven Bereichen entstehen können, so z. B. die Aufmerksamkeit oder die Sprache betreffend. Das demenzielle Syndrom kann sich in verschiedenen Erkrankungen widerspiegeln, z. B. in der Alzheimer-Demenz (die häufigste Demenzform) oder auch in der vaskulären Demenz. Eine weitere Demenzform stellt die Parkinson-Demenz dar. Parkinson ist vor allem eine Bewegungsstörung, die durch die Hauptsymptome wie verlangsamte Bewegungen, Muskelsteife und Zittern im Ruhezustand charakterisiert ist. Allerdings leiden die Patienten häufig unter einer Vielzahl an nicht-motorischen Symptomen (z. B. Schlafstörungen, Depression), die die Lebensqualität massiv einschränken können - in der Regel sogar mehr als die motorische Symptomatik. Hierzu zählen auch kognitive Störungen bis hin zur Parkinson-Demenz.

PKV: In welchem Zusammenhang stehen Parkinson und die Demenz? Einfach gesprochen: Warum verursacht Parkinson demenzielle Symptome?

Frau Dr. Folkerts: Kognitive Störungen und Demenzen sind ein sehr häufiges Symptom der Parkinson Erkrankung. Bereits zum Zeitpunkt der Diagnosestellung leiden ein Drittel der Patienten unter leichten kognitiven Störungen. Von 100 Parkinsonpatienten haben 40 Personen eine leichte kognitive Störung; 30 Patienten weisen eine Demenz auf und nur bei 30 Personen besteht aktuell keine Besorgnis hinsichtlich der geistigen Leistungsfähigkeit. Das Demenzrisiko ist im Vergleich zur Normalbevölkerung um das Sechsfache erhöht.

PKV: Wie schätzen Sie die Rolle Deutschlands im globalen Vergleich ein, wenn es um die Erforschung von Demenzen generell sowie um Ihr spezielles Forschungsgebiet geht?

Frau Dr. Folkerts: Bei den Demenzen handelt es sich - bedingt durch den demografischen Wandel - um ein Syndrom, von dem in Zukunft immer mehr Menschen betroffen sein werden. Vor diesem Hintergrund besteht ein großes gesamtgesellschaftliches Interesse an der Erforschung der zugrundeliegenden Mechanismen, Ursachen und vor allem auch Präventions- und Therapieoptionen. Dies zeigt sich auch in der Vielzahl an deutschlandweiten Forschungseinrichtungen, die sich der Erforschung der Demenzen widmen. In Bezug auf unsere Forschung rund um die nicht-pharmakologischen Interventionen, vor allem auch im Bereich der Parkinsonschen Erkrankung, sind wir national und international sehr gut vernetzt.

PKV: Auf unserem Blog www.dankesagen.de dreht sich alles um die Wertschätzung des medizinischen und pflegerischen Einsatzes. Das schließt natürlich auch die Forschungsarbeit ein. Wofür sind Sie hinsichtlich Ihrer Arbeit, aber auch Ihres Werdeganges dankbar?

Frau Dr. Folkerts: Als ich mein Studium der Gerontologie begann, hatte ich die Forschung so gar nicht im Blick. Ich sah mich eher in beraterischen Tätigkeiten oder als Leiterin einer Pflegeeinrichtung. Dies änderte sich schnell, als ich bereits relativ zu Beginn meines Studiums bei meiner Chefin und Mentorin Frau Prof. Dr. Elke Kalbe eine Anstellung als studentische Mitarbeiterin begann. Sie brachte mir die Faszination Wissenschaft näher und förderte mich in jeglicher Weise. Mittlerweile arbeiten wir seit acht Jahren erfolgreich zusammen und begeistern uns gegenseitig für unsere alten und neuen Themen. Eine weitere, sehr wichtige Quelle der Inspiration ist der ständige Kontakt mit den Patienten und ihren Angehörigen. Ihre Dankbarkeit und der erkennbare Nutzen unserer Arbeit treibt uns täglich an und ist die wichtigste Entlohnung im Forschungsalltag!

PKV: Was hat Sie dazu bewogen auf diesem Gebiet Fuß zu fassen und welche Fragen treiben Sie täglich an?

Frau Dr. Folkerts: Da die Demenzen aktuell nicht heilbar sind, geht es uns vorrangig darum mit Hilfe der nicht-medikamentösen Ansätze eine Möglichkeit zu schaffen, den Verlauf der Erkrankung hinauszögern. Aktuell treibt uns vor dem Hintergrund der patientenzentrierten Versorgung vor allem die Frage an, wer von welcher kognitiven Intervention am meisten profitiert. Da die Wirksamkeit kognitiver Therapien bereits umfangreich belegt worden ist und auch die großen Fachgesellschaften diese empfehlen, widme mich aktuell zudem den Fragen einer möglichen Implementierung in das Gesundheitswesen, um zu erreichen, dass in Zukunft möglichst viele Patienten von einer kognitiven Intervention/einem Gedächtnistraining profitieren können.

PKV: Am 21.09. ist Welt-Alzheimertag. Wo finden Betroffene und Angehörige von Personen mit Demenz erste Hilfe und Orientierung?

Frau Dr. Folkerts: Erst kürzlich zeigte sich im Rahmen einer Diskussion mit Patienten und ihren Angehörigen das ein enormes Informationsdefizit bei den Betroffenen besteht. Das Internet ist natürlich eine tolle Quelle, aber es ist schwierig, gute Informationen von schlechten Informationen zu trennen. Im Bereich der Demenzen können die Betroffenen und Interessierten sehr gute Informationen über die Homepage der Deutschen Alzheimer Gesellschaft e.V. erhalten. Eine weitere gute Adresse stellen Selbsthilfegruppen dar, die häufig auch Fachvorträge in ihre Treffen integrieren. Zudem ist der Austausch mit Betroffenen und Angehörigen eine wertvolle Quelle. Gute Adressen für eine ausführliche Beratung können auch Pflegestützpunkte und Senioren-Service-Büros der Stadt sein. Bei dem Verdacht einer Demenz ist häufig der Hausarzt der erste Ansprechpartner, der dann an einen Facharzt (Neurologe oder Psychiater) verweisen sollte. Für eine ausführliche Demenzdiagnostik bieten sich die Gedächtnissprechstunden in sog. Memory Kliniken an.

PKV: Einmal abgesehen vom fachlichen Wissen: Was sollte man mitbringen, wenn man beruflich oder privat täglich mit dem Thema Demenz konfrontiert ist?

Frau Dr. Folkerts: Neben meinen beruflichen Schwerpunkten, bin ich auch privat mit dem Thema Demenz sowie Parkinson konfrontiert. In beiden Bereichen hilft mir Ausdauer, Gelassenheit, Mitgefühl und eine Portion Humor. Zudem ist ein Ausgleich wichtig. Angehörige von Demenzpatienten gehen häufig einem 24-Stunden-Job nach, bei dem kaum Zeit für sich selbst und zum Durchatmen bleibt. Hier sollte unbedingt Selbstfürsorge betrieben werden, denn nur ein gesunder Körper und Geist können unterstützen!

PKV: Das klingt nach einem wertvollen Bündel an Eigenschaften. Herzlichen Dank für Ihre Arbeit und den Einsatz Ihrer Kollegen auf dem Gebiet.

 

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