„Es gibt nicht das äthiopische Leben mit HIV“

01 Dec
Intro image

Auch wenn derzeit ein anderes Virus im medialen Mittelpunkt steht – HIV und Aids sind nach wie vor in Deutschland präsent. Die Zahl der Neuinfektionen nahm 2019 sogar wieder leicht zu und lag bei 2.600. Über die Deutsche Aids-Stiftung unterstützt der PKV-Verband Projekte, die sich speziell an Migranten richten – zum Beispiel in der Aids-Beratung Mittelfranken. Warum das Projekt so wertvoll ist, berichtet Einrichtungsleiterin Sarah Armbrecht.

Frau Armbrecht, warum ist es immer noch wichtig, Aids-Beratung anzubieten und Präventionsarbeit zum HI-Virus zu leisten?

Zwar gehen die HIV-Neuinfektionen in Westeuropa zurück – weltweit aber keineswegs. Auch sehen wir eine Verknüpfung von besonderen Lebenslagen, von Armut, von Prekarität, und dem Risiko, sich mit HIV zu infizieren. Und ganz besonders in diesem Jahr ist HIV dabei, zu einer Schatteninfektion zu werden – sie steht im Schatten von Corona. Es ist im Moment sehr schwierig, mit unseren Themen an die Öffentlichkeit zu dringen. Dabei erleben wir immer wieder, dass sich Menschen mit HIV infizieren, die davon ausgingen, das Virus gebe es nicht mehr. Oder denken, dass sich nur Schwule und Junkies anstecken. Eine HIV-Infektion ist nicht mehr lebenszeitverkürzend, aber sie ist lebensverändernd, und – nebenbei bemerkt – auch gesundheitsökonomisch teuer. Aber vor allem ist sie ziemlich leicht zu verhindern: durch Wissen. Deshalb arbeiten wir daran, dieses Wissen zu verbreiten.

Sie beziehen gezielt Menschen mit Migrationshintergrund als ehrenamtliche Beraterinnen und Berater in die HIV-Aufklärung ein. Warum?

Zu uns kommen viele Menschen, die erst seit Kurzem in Deutschland leben. Neben der sprachlichen erleben sie auch andere Hürden: Die Art und Weise, über Sexualität und HIV zu sprechen, ist stark von der eigenen Sozialisation geprägt. Und uns Beraterinnen und Beratern fehlt die Erfahrung, wie es ist, wenn man zum Beispiel aus Uganda stammt. Wir wissen nicht, wie man dort aufwächst, welche Aufklärung es in der Schule gibt, was in den Familien üblich ist. Aber unsere Ehrenamtlichen wissen das. Und sie können es auch uns erklären.

Vertrauen die Ratsuchenden ihren Landsleuten eher?

Ja, auf jeden Fall. Und auch uns als Beratungsstelle wird zugeschrieben, vertrauenswürdig zu sein. Nach der Logik: Wenn meine Landsfrau oder mein Landsmann sich hier wohlfühlt, kann auch ich offen sprechen. Außerdem hat diese Beratungssituation auch etwas mit Empowerment zu tun. Zu sehen: Da sitzt mir jemand gegenüber, der vor Jahren oder Jahrzehnten das Gleiche bewältigt hat wie ich gerade. Das ist eine Expertise, die man nicht kaufen kann.

Welche Rolle spielt eine HIV-Infektion für jemanden, der nach Deutschland kommt?

Das ist so individuell und divers, wie die Menschen sind. Es gibt nicht das eritreische oder äthiopische Leben mit HIV, sondern Person A und Person B, die mit HIV leben. Wir wollen dafür sensibilisieren, die konkrete Person anzuschauen: Wie hat sie sich angesteckt, wie funktioniert ihr Sexualleben, wo sind ihre Risiken, wie groß ist ihr Wissen, welche Vorerfahrungen hat sie? So verschieden die Biografien unserer Ehrenamtlichen sind, so verschieden sind auch die Biografien der Ratsuchenden.

Gibt es dennoch verbindende Auffälligkeiten in verschiedenen Gruppen?

Ja – aber das hat eigentlich weniger mit den Herkunftsländern der Menschen zu tun. Wir erleben, dass sich die Sichtweise auf und der Umgang mit einer HIV-Infektion nach Sozialisation in der Stadt oder auf dem Land unterscheidet. Und auch je nach Generation: Die Älteren – also sagen wir mal die über 40-Jährigen – denken noch an dieses alte, dunkle Todes-Aids. Die Jüngeren sehen die Erkrankung viel sachlicher. Sie wissen, wie sie sich schützen können, und gehen pragmatisch mit dem Risiko um.