„Einschlafen per Knopfdruck gibt es nicht“

09 Aug
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Mal ist es zu warm, mal zu hell: Im Sommer leiden viele von uns unter Schlafproblemen und sind morgens wie gerädert. Für einige Menschen ist das aber leider ständig der Normalzustand, sie leiden an einer sogenannten Schlafapnoe. Das bedeutet frei übersetzt „Atemstillstand im Schlaf“.

Die Atemstörung ist durchaus gefährlich, unter anderem weil Patienten mit ihrer Schläfrigkeit auch unfallgefährdet sind. In diesem Bereich ist Deutschland in Sachen Forschung ganz vorne dabei. Im Gespräch mit Prof. Dr. rer. physiol. Thomas Penzel haben wir mehr zum Thema Schlaf in Erfahrung bringen können. Er ist wissenschaftlicher Leiter des Interdisziplinären Schlafmedizinischen Zentrums an der Berliner Universitätsklinik Charité.

PKV: Herr Prof. Dr. Penzel, was kann man sich unter „Schlafmedizin“ vorstellen?

Prof. Dr. rer. physiol. Thomas Penzel: „Die Schlafforschung ist mittlerweile ein sehr umfangreiches und interdisziplinäres Gebiet, auf dem Physiologen, Mediziner, Pharmakologen, Psychologen, Biologen und Ingenieure Seite an Seite fachsimpeln. So steht zum Beispiel die grundlegende Frage im Fokus, warum wir überhaupt schlafen müssen. Ein wichtiges Forschungsfeld ist darüber hinaus die Behandlung von Schlafstörungen. Sie ist mein Arbeitsschwerpunkt und liegt mir besonders am Herzen.“

PKV: Warum schlafen wir denn überhaupt?

Prof. Dr. rer. physiol. Thomas Penzel: „Der Schlaf dient unserer Regeneration, damit es am nächsten Tag frisch weitergehen kann. Er ist ein Zeitraum, in dem unsere innere Motivation, aber auch äußere Einflüsse und Stimuli in den Hintergrund treten und ein Programm körpereigener Funktionen abgespielt wird. So sind etwa das Gedächtnis, hormonelle und immunologische Funktionen im Körper eng an den Schlaf gekoppelt. Die Bedeutung des Schlafes für diese Funktionen wird in der aktuellen Forschung intensiv untersucht und diskutiert. Da wir im Schlaf weder bei Bewusstsein noch ansprechbar sind, wurde der Schlaf in der Geschichte mitunter als “der kleine Bruder des Todes” bezeichnet.”

PKV: Warum träumen manche Menschen nicht bzw. können sich nie an ihre Träume erinnern?

Prof. Dr. rer. physiol. Thomas Penzel: „Jeder Mensch träumt. Dass man sich an Träume nicht erinnert, hat die Natur extra so eingerichtet. Das ist normal. Der Leichtschlaf löscht die Erinnerung an den Traum aus. Nur wenn man aus dem Traum heraus aufwacht, oder wenn man genau dieses trainiert, dann erinnert man sich an Träume.”

PKV: Kommen wir zu Ihrem Forschungsgebiet: Was sind die klassischen Probleme der Patientinnen und Patienten, die sich an Schlafmediziner wenden?

Prof. Dr. rer. physiol. Thomas Penzel: „Die klassischen Probleme von Patienten, die sich an uns wenden sind diese: Sie können nicht schlafen, oder sie sind andauernd schläfrig und schlafen ungewollt, im schlimmsten Fall als Autofahrer, ein.”

PKV: Woran kann das liegen? Was sagt Ihre Forschung dazu?

Prof. Dr. rer. physiol. Thomas Penzel: „Ich forsche an der Identifizierung von Ausprägungen der Schlafapnoe – das heißt von Atemstillständen und/oder von Minderbelüftung der Lunge während des Schlafens. Das ist gar nicht so selten. Konkret lautet die Frage: Welcher Patient mit Schlafapnoe bedarf dringend einer Behandlung und bei wem ist die Erkrankung nicht so schlimm, dass gesundheitliche Konsequenzen befürchtet werden müssen.”

PKV: Für welche Durchbrüche, Erkenntnisse, Kollegen, Institutionen etc. sind Sie im Rahmen Ihrer Arbeit besonders dankbar?

Prof. Dr. rer. physiol. Thomas Penzel: „Besonders dankbar bin ich einem vor kurzem verstorbenen langjährigen Kollegen, Prof. Christian Guilleminault. Ende der 70iger Jahre hat er die Schlafapnoe erstmals als Begriff und Diagnose eingeführt.”

PKV: Gibt es im Bereich aktuell besondere Durchbrüche?

Prof. Dr. rer. physiol. Thomas Penzel: „Ja, durchaus. In der Schlafmedizin werden immer wieder neue Medikamente und Therapieverfahren gefunden. Es werden auch neue und einfachere Diagnoseverfahren entwickelt. Dabei gehört Deutschland mit seiner exzellenten pharmakologischen und medizintechnischen Industrie zu den führenden Ländern. Ein aktuelles Thema ist auch die Telemedizin und die Einführung von Smartwatches, die in mehr oder weniger guter Qualität den Schlaf überwachen.”

PKV: Abschließend würden wir Sie gerne um einen Tipp bitten: Was empfehlen Sie Personen, die Schlafprobleme haben? Welche Abendroutinen empfehlen sich um zur Ruhe zu kommen?

Prof. Dr. rer. physiol. Thomas Penzel: „Personen, die Einschlafprobleme haben, müssen wissen, dass „Einschlafen“ kein Schalter im Kopf ist, sondern ein Prozess, der ein mentales Zur-Ruhe-Kommen benötigt. Für den einen ist das ein Buch lesen, für den anderen Musik hören, oder reden oder Gedanken aufschreiben. Oder auch Sport, jedoch nicht direkt vor dem Schlafengehen.”

PKV: Prof. Dr. rer. physiol. Thomas Penzel und Kollegen, wir sagen Danke für dieses besondere Engagement!

Kennen auch Sie jemanden, dem Sie Danke sagen möchten? Schreiben Sie uns Ihre Geschichte an: dankesagen(at)pkv(dot)de