Ein besonderer Dank an pflegende Angehörige

06 Sep
Intro image

Zurecht werden pflegende Angehörige auch "Deutschlands größter Pflegedienst" genannt. Denn von insgesamt 3,4 Millionen pflegebedürftigen Menschen, werden 52 Prozent von Angehörigen gepflegt. Wer nicht allein von seinen Angehörigen gepflegt wird, erhält Unterstützung durch ambulante Dienste oder wird stationär in einer Pflegeeinrichtung umsorgt.

Vielen Dank an alle pflegenden Angehörigen

Die Pflege eines Angehörigen neben dem Job stellt eine besondere Herausforderung dar. Wir möchten uns bei allen bedanken, die sich dieser fordernden doch wertvollen Aufgabe annehmen und zu Hause das Wohl eines Familienmitgliedes sicherstellen.

Balance zwischen Beruf und Angehörigenpflege

Nur, wer selbst wohlauf ist, kann sich langfristig angemessen um andere kümmern. Die starke Belastung der pflegenden Angehörigen ist schon seit Jahren ein präsentes Thema. Zeichen der Erschöpfung sind beispielsweise Übermüdung, Kopfschmerz, Ängste, Reizbarkeit sowie Konzentrations- und Schlafstörungen. Der Deutsche Alzheimer Gesellschaft e. V. (DAG) zufolge, leiden 38 Prozent der Pflegenden unter Schlafmangel, bei mehr als 22 Prozent gehen Freundschaften und soziale Beziehungen verloren und jede*r fünfte pflegende Angehörige hat Zukunftsängste. Sowohl von körperlichen als auch von psychischen Störungen und Erkrankungen wie Depressionen seien pflegende Angehörige deutlich stärker betroffen als sonstige Versicherte, so die DAG.

Der Alltag eines pflegenden Angehörigen: Sabine Distler im Interview

Frau Distler ist Dipl. Psychogerontologin univ., Curatorin, Dipl. Sozialpädagogin (FH) und Mediatorin. Sie leitet das Curatorium Altern gestalten (AGE CU). Die gemeinnützige Gesellschaft fordert und fördert eine moderne Gestaltung des Alterns und Alters. Auch selbst war sie in das Thema Angehörigenpflege involviert. Sie pflegte 2017 ihren Vater und erfüllte ihm damit den Wunsch im Kreise der Familie die letzte Ruhe zu finden.

PKV: Frau Distler, welche Fragen sind als pflegender Angehörige besonders wichtig?

Sabine Distler: "Man sollte die Alternativen vorher für sich abchecken: Gibt es außerhäusige Pflege-Alternativen, die mit dem eigenen Gewissen vereinbar sind? Würde ich diese Pflegeform auch für mich akzeptieren? Ich glaube, wir müssen grundsätzlich noch eine andere Haltung zum Thema "in Würde Altern" einnehmen und insbesondere mehr neue Formen ambulanter Hilfen und Angebote entwickeln. Auch fehlende Informationen zu Pflegeverlauf, -dauer und Finanzierung ist für viele verunsichernd."

PKV: Welche Momente fanden Sie besonders erfüllend?

Sabine Distler: "Ich fand alle Momente erfüllend, die die Beziehung zu meinem Vater mit Leben füllten. Das waren in diesem letzten halben Jahr „mehrere Übergaben“, die er mir mitteilte, z. B. Tagebuch-Excel- Dateien voller persönlicher Erinnerungen, Geschichten rund um sein Haus. Wir teilten gemeinsam die Ängste, die Hoffnungen, das Leid und die Besserungen. Jeder einzelne Tag war erfüllend. Alle Momente bereichern mein heutiges Leben."

PKV: Was hat Ihnen in diesen Augenblicken weitergeholfen?

Sabine Distler: "Wir haben in dieser Zeit viel diskutiert. Es ging meist um Grundsatzfragen: Wann wird Selbstbestimmtheit eingeschränkt? Gibt es Grenzen der Fürsorge? Nach drei Krankenhausaufenthalten bat er uns, diese künftig für ihn zu vermeiden und um die Pflege bis zu seinem Tod in seinem Bett. Ich fragte ihn damals voller Angst "Weißt Du, was Du von uns verlangst? Weißt Du wie schwer das ist?" Er antwortete ganz ruhig "Ja, es wird für uns alle schwer". Komisch, dass dieser Wortwechsel für Erleichterung sorgte. Die letzten drei Wochen hat uns ein Team der Spezialisierten ambulanten Palliativversorgung (SAPV) weitergeholfen. Und ich habe gesehen, wie Palliativärzte auf Augenhöhe mit einem Sterbenden sprechen, wie Pflegerinnen aus dem SAPV-Team sich nicht nur um das Wohlergehen meines Vaters kümmerten, sondern auch immer uns als Angehörige im Blick und im Gespräch hatten. So schmerzhaft diese Zeit des Abschieds war – so heilsam war diese gemeinsame Gestaltung!"

PKV: Wofür waren/ sind Sie mit Blick auf die Pflege zu Hause dankbar/ dankbar gewesen?

Sabine Distler: "Besonders dankbar bin ich für die Zeit mit und für meinen Vater. Es ist so wertvoll, wenn man diese Aufgabe annehmen kann, wenn die Zeit es erfordert."

PKV: Im Rahmen Ihrer Arbeit treffen Sie auf zahlreiche pflegende Angehörige. Welche Gedanken beschäftigen sie und was geben Sie ihnen auf den Weg?

Sabine Distler: "Pflegende Angehörige sind schnell in einem Tunnel und übernehmen sich häufig. Es ist eine der dringendsten gesellschaftlichen Aufgaben, dass pflegende Angehörige mehr Unterstützung und Entlastung erfahren. Pflegende Angehörige stehen permanent unter Versagens- und Verlustängste. Der Dschungel an Leistungen ist für professionell Pflegende vielleicht noch überschaubar, für einen Angehörigen stellen neue Pflegeanforderungen eine immense Hürde dar. Psychisch, physisch, bürokratisch, finanziell. Wir brauchen neutrale Mentoren, die die größte „Pflegefrau- und mannschaft“ begleiten, beraten und betreuen. Wir brauchen auch verlässliche und vertrauensgebende Pflege- und Sorgestrukturen in den Krankenhäusern und anderen stationären Pflegesystemen"

Der Danksagung von Frau Distler für das herzliche und zugewandte Engagement des SAVP-Teams möchten wir uns anschließen, sowie auch ihr als pflegende Angehörige unseren besonderen Dank und unsere Bewunderung ausdrücken!

Kennen auch Sie jemanden, dem Sie Danke sagen möchten? Schreiben Sie uns Ihre Geschichte an: dankesagen(at)pkv(dot)de