"Die Hilfsbereitschaft ist noch einmal gewachsen."

12 May
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Holger Franzreb ist Pflegeprofi durch und durch. Mehr als 20 Jahre arbeitet er bereits auf der Intensivstation. Seit Ausbruch der Pandemie in Deutschland betreut er täglich Corona-Patienten. Wir wollten von ihm erfahren, wie ein Pflegeprofi mit dieser außergewöhnlichen Situation umgeht, was er in den vergangenen zehn Wochen erlebt und wie sich sein Arbeitsalltag verändert hat.

Wie viele Betten haben Sie auf Station und wie viele Kolleginnen und Kollegen in Ihrem Team kümmern sich Tag und Nacht um die Patienten?

Holger Franzreb: Wir haben auf unserer Intensivstation 18 Bettplätze und davon zehn Beatmungsplätze. Unsere Versorgung deckt das komplette Spektrum der Inneren Medizin ab, d.h. die komplette Notfallversorgung für innere Erkrankungen. Insgesamt arbeiten auf der A4 rund 60 Personen in wechselnden Schichtdiensten.

Was hat sich seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie in Ihrem Arbeitsalltag verändert?

Holger Franzreb: Begonnen hat alles mit den ersten schlimmen Bildern aus Italien. Da wurden wir bei Patienten sensibel, die beispielsweise mit Fieber eingeliefert wurden. Die Klinikleitung hat dann unmittelbar reagiert, nachdem die Infektionszahlen in die Höhe schnellten und für das Personal interne Hygieneschulungen angeboten. Wir haben den Umgang mit der Schutzkleidung trainiert, insbesondere das An- und Ausziehen, sodass wir schon bevor die ersten Corona-Patienten bei uns eingeliefert wurden, gut vorbereitet waren. Gleichzeitig haben wir das große Glück, eine ausgebildete Hygienefachkraft auf Station zu haben. Sie hat jeden unserer Mitarbeiter persönlich und sehr akribisch mit den nochmals verschärften Hygienestandards vertraut gemacht, sodass wir die perfekten hygienischen Voraussetzungen auch wirklich schaffen konnten.

Wie geht das Team mit den Veränderungen seit dem Ausbruch der Corona-Krise um?

Holger Franzreb: Wir hatten bei uns schon immer ein sehr gutes Teamgefüge. Was sich allerdings seit Corona verändert hat, kann ich gar nicht so richtig in Worte fassen. Die Bereitschaft, füreinander einzustehen und die Hilfsbereitschaft sind noch einmal gewachsen. Kaum vorzustellen, aber Mitarbeiter sind von ihrem Urlaub zurückgetreten, um da zu sein, um zu helfen. Ich habe viele Anrufe von ehemaligen Kolleginnen und Kollegen anderer Stationen bekommen, die mir angeboten haben, bei uns einzuspringen und zu helfen, sollte zusätzliches Personal benötigt werden. Wir haben gesehen, wie die Pandemie um die Welt geht und wie hart sie manche Länder trifft. Jeder bei uns wollte dabei helfen, dies in Deutschland zu verhindern. Das hat mich schon sehr beeindruckt. Ich glaube, so tickt die "Pflege" generell, wenn es darum geht zu helfen und füreinander einzustehen.

Hatten Sie persönlich die Sorge, sich bei der Arbeit infizieren zu können?

Holger Franzreb: Die Sorge besteht in gewisser Weise immer. Allerdings haben wir Pflegeprofis schon lange vor Covid-19 sehr häufig Kontakt zu hochinfektiösen Patienten gehabt. Wir besitzen aber ein fundiertes hygienisches Hintergrundwissen, um uns im Umgang mit Keimen und Viren ausreichend zu schützen. Daher ist man berufsbedingt wahrscheinlich ruhiger als die meisten Mitmenschen.

Hatten Sie Corona-Fälle bei sich auf Station und wie haben Sie sich vorbereitet?

Holger Franzreb: Die Leitung des Klinikum Stuttgart hat sehr schnell reagiert. Neben den Hygieneschulungen wurden ganze Stationen umstrukturiert und Operationen verschoben. So konnten wir notwendige Kapazitäten schaffen, um einerseits genug freie Betten und medizinische Geräte für die Versorgung von Covid-19-Patienten bereitzustellen und um andererseits diese isoliert, d.h. getrennt von anderen Patienten versorgen zu können. Wir haben eine Intensivstation geschaffen, die speziell für die Behandlung von Covid-19-Patienten genutzt wird. Dazu zählt das Einrichten sogenannter Schleusenzimmer. Hätte sich die Situation noch verschlimmert, hätten wir weitere Teile von Stationen, wie zum Beispiel die Aufwachräume und Operationssäle für die intensivmedizinische Betreuung von Corona-Erkrankten umfunktionieren können, also jedes Bett wäre auch mit einem Beatmungsgerät ausgestattet gewesen.

Gab es in den vergangenen Wochen einen Moment, in dem Sie gedacht haben, die Situation könnte unbeherrschbar werden?

Holger Franzreb: Im Grunde nein. Natürlich hoffe ich, dass sich die Situation nicht so entwickelt, wie es in Spanien oder Italien der Fall gewesen ist. Aber durch die schnellen Änderungen und Umstrukturierungen, die hier am Klinikum sehr konsequent umgesetzt wurden, hatte ich nicht das Gefühl, dass wir die Kontrolle verlieren würden. Auch der sich täglich beratende Führungsstab war bzw. ist hilfreich, um die Gesamtlage gut einschätzen und kommende Entwicklungen frühzeitig erkennen zu können und dementsprechend zu reagieren.

Gab es auch bei Ihnen im Klinikum die Sorge, die Schutzkleidung und Masken würden nicht ausreichen?

Holger Franzreb: Wir haben natürlich mit den Materialien, die wir vorrätig hatten, gut gehaushaltet. Wir sind glücklicherweise nicht in die Situation gekommen, dass bestimmte Hygieneartikel oder auch Schutzkleidung knapp geworden wären.

Wie gehen Sie als Pflegeprofi mit so einer außergewöhnlichen Situation um?

Holger Franzreb: Mein Beruf und meine bisherigen Erfahrungen haben sicherlich dazu geführt, dass ich mit medizinisch schweren Situationen gut umgehen kann. Die Corona-Pandemie ist natürlich nochmal etwas anders, weil sie noch nie dagewesen ist. Aber selbstverständlich bin ich während der Pandemie auch Familienvater und versuche, meine Kinder über die Auswirkungen aufzuklären. Das bedeutet eben auch, keinen Kontakt zu ihrer über 80-jährigen Oma zu haben und sich nicht mit den Freunden treffen zu können. Das ist nicht immer einfach. Aber es ist notwendig und geht eben auch nicht anders.

Wie sieht der Umgang mit den Patienten aus? Gibt es Zeit für einen zwischenmenschlichen Austausch oder kann es sich nur auf das rein Medizinische begrenzen?

Holger Franzreb: Dadurch, dass wir die Patienten intensiv betreuen, gehört ein zwischenmenschlicher Austausch mit dazu. Die derzeitige Situation ist für die meisten Patienten psychisch extrem belastend, nicht nur aufgrund der Erkrankung, sondern auch aufgrund des notwendigen Besuchsverbotes. Die Familie und Freunde nicht um sich haben zu können, ist schon sehr hart. Daher ist es eine wichtige Aufgabe des Pflegepersonals, mit den Patienten zu kommunizieren, die Menschen mental zu unterstützend und nicht "nur" pflegerisch zu betreuen.

Die erste Infektionswelle geht zurück, mit den derzeitigen Lockerungen nähern wir uns wieder allmählich dem gewohnten Alltag. Virologen gehen allerdings von einer kommenden zweiten Welle aus. Was würden Sie den Menschen in Deutschland mit auf dem Weg geben?

Holger Franzreb: Ich habe bei uns auf Station einige sehr schwere Krankheitsverläufe von Corona-Patienten gesehen, darunter nicht nur ältere, sondern auch junge Menschen. Das sollte keiner auf die leichte Schulter nehmen. Daher kann ich nur dringend appellieren: Haltet die Hygiene- und die Abstandregeln ein. Auch das Mund- und Nasenschutzgebot im Öffentlichen Nahverkehr oder in Geschäften ist sehr sinnvoll.

Holger Franzreb ist zweifacher Familienvater und Leiter der Intensivstation am Klinikum Stuttgart. Er wurde im vergangenen Jahr mit seinem Team der internistischen Intensivstation A4 auf den ersten Platz in Baden-Württemberg beim PKV-Wettbewerb Deutschlands beliebteste Pflegeprofis gewählt.

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