Danke an die Telefonseelsorger

30 Aug
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Sommer! Mit Temperaturspitzen von 42,6 Grad Celsius zieht sich die warme Jahreszeit bis in den Herbst. Ein Rekordsommer wie der diesjährige lädt dazu ein das Leben ausgiebig zu feiern, doch provoziert er auch das Gegenteil. So laufen in Deutschland nicht nur die Gemüter heiß, sondern auch die Leitungen der Telefonseelsorge.

Sommerdepression: Telefonseelsorger fangen Ratsuchende auf

Klettert das Thermometer über die 30 Grad Marke, steigt auch die Zahl der Anrufenden, die am Hörer: Die Gründe sind allgemeine Antriebs- und Freudlosigkeit, Einschlafstörungen, Appetitlosigkeit, Hyperaktivität, Ängste und innere Unruhe — saisonales Stimmungstief, Sommerdepression? Eine endgültige Diagnose müsse ein Mediziner stellen, doch auffällig sei eine Häufung des beschriebenen Beschwerdebildes in den heißen Sommermonaten, berichtet Babette Glöckner in einem Interview für die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD). Zu weiteren Fragen rund um die Seelensorge haben wir persönlich mit ihr gesprochen. Frau Glöckner leitet die Hamburger Telefonseelsorge, ein Service des Diakonie-Hilfswerks Hamburg.

Die Hamburger Telefonseelsorge nimmt im Jahr über 20.000 Anrufe entgegen. Der Service ist seit 60 Jahren rund um die Uhr aktiv, gebührenfrei und anonym. Ratsuchende treffen hier auf ausgebildete Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner. Glaube oder Weltanschauung spielen im Rahmen der Beratung keine Rolle. Diese Arbeit wird zu 70 Prozent aus Kirchensteuern und zu 30 Prozent aus Spenden finanziert. Unterstützt wird Babette Glöckner von ca. 100 Ehrenamtlichen, die sich den Telefondienst teilen. Gemeinsam helfen sie Betroffenen weiter, hören zu, begleiten und beraten auch. Falls notwendig und erwünscht, werden die Anruferinnen und Anrufer auf weiterführende Adressen aufmerksam gemacht. Die Ehrenamtlichen fangen Hilfesuchende auf, geben Halt und Orientierung. Für diesen Einsatz möchten wir uns bei Babette Glöckner und ihrem Team bedanken.

Das komplexe Wurzelwerk der Sommerdepression

Die Gründe einer Sommerdepression können ganz verschieden sein. Während in breiten Fachkreisen Rückschlüsse auf soziodemografische Faktoren gezogen werden, erweitern Forschende der sogenannten "Chronobiologie" das Ursachenspektrum der Beschwerden durch biochemische Aspekte.

Im EKD-Interview erzählt Babette Glöckner, dass es auffalle, dass von Sommerdepressionen praktisch nur Frauen betroffen zu sein scheinen. Die meisten Anruferinnen bei der Telefonseelsorge seien laut Glöckner 20 bis 35 Jahre alt, einige auch jünger. Warum das so ist, kann bislang nur vermutet werden. Die Sachlage ist schwammig, doch es drängt sich die Annahme auf, dass junge Frauen besonders im Sommer eine Diskrepanz zwischen Ideal- und Selbstbild wahrnehmen. Geschlechterübergreifend und allgemein gehören Einsamkeit und soziale Isolation zu einem klaren Risikofaktor für eine (Sommer-)Depression. Babette Glöckner hat uns hier noch einen tieferen Einblick geben können: "Mir fällt als Telefonseelsorger seit Jahren auf, dass "Einsamkeit" ein sehr schwieriges Thema für die Anrufenden ist – sehr schambesetzt. Das führt dazu, dass es – wenn überhaupt – nur zögerlich als ein eigenes Problem benannt wird. Doch oft spürt die Telefonseelsorger*in, dass hinter dem Konflikt am Arbeitsplatz, dem Bruch einer Beziehung, dem Verlust eines nahen Verwandten oder der Mobbing-Erfahrung auf dem Schulhof quälende Einsamkeitsgefühle stehen und immer die Sehnsucht danach, "anzukommen", beachtet zu werden, dazuzugehören, gemocht zu werden etc."

Mit Blick auf unser Titelthema führt sie weiter aus, dass sich im Sommer für manche Menschen – häufig jüngere Frauen – das Problem noch verschärfe. "Die Umwelt zieht es nach draußen, oft auch in die Gemeinschaft (Cafés, Strände…). Es wird verglichen und die eigene "Isolation" wird besonders gefühlt. Weitere Gründe sind ganz sicher: ein hoher Leistungsanspruch, ein überhöhtes Körperideal [...] und oft auch erhöhte Kränkungsbereitschaft (ein fehlgeschlagener Versuch in der Kontaktaufnahme führt zu Rückzug)." Auch die finanzielle Situation spiele eine große Rolle, meint Glöckner, weil viele Aktivitäten aus Kostengründen nicht mitgemacht werden können – was wiederum starke Schamgefühle auslöse.

Wir haben Frau Glöckner nach Anrufer-Geschichten gefragt, die sie besonders beschäftigt haben. Sie erzählt uns: "Im Gedächtnis blieb mir eine Studentin, die darunter litt, dass sie keinen Anschluss unter ihren Kommilitonen fand – obwohl sie im Studentenheim lebte: in der Menge einsam. Hier gab es ebenfalls einen extrem hohen Leitungsdruck und -anspruch, der dazu führte, dass sie Prüfungstermine versäumte, Seminararbeiten nicht abgab etc. Sie blieb sehr stark mit ihren Phantasien über ihre Mitmenschen beschäftigt (Zimmernachbarn etc.), traute sich aber nicht, die "Realität" zu überprüfen."

Sommerdepression - Eine Krankheit, die keine ist?

In den offiziell gültigen Diagnose-Codierungen (ICD und DSM) ist die "Sommerdepression" nicht individuell aufgeführt, dennoch findet sie wissenschaftliche Legitimation und wird seit Jahrzehnten von Chronobiologen erforscht. Chronobiologinnen und Chronobiologen untersuchen die zeitliche Organisation von physiologischen Vorgängen und wiederholten Verhaltensmustern von Organismen. Laut grundlegender chronobiologischer Theorien üben Luftfeuchtigkeit, Temperatur und Sonneneinstrahlung einen bedeutenden Einfluss auf die Neurochemikalien im menschlichen Organismus aus, Melatonin und Serotonin zum Beispiel. Die Produktion dieser Neurochemikalien ist ebenso von den veränderten Gegebenheiten im Sommer abhängig wie unsere täglichen Routinen, insbesondere der Schlaf-Wach-Rhythmus. Dieser spielt wiederum mit Blick auf Depressionen eine tragende Rolle. Inoffiziell und gängigerweise wird von einer Sommerdepression gesprochen, wenn eine Depression nach ICD und DSM in zwei aufeinanderfolgenden Sommern diagnostiziert wird und die Symptome in Richtung Winter schwinden.

Die Arbeit von Babette Glöckner und ihrem Team kann Betroffene zwar nicht am Hörer heilen, doch ist sie eine wertvolle Hilfe. Mit der Arbeit des Teams erhalten die Hilfesuchenden die Informationen und Adressen, die eine Heilung ermöglicht und möglicherweise beschleunigt. Anrufende mit milden Symptomen können auf diesem Wege sensibilisiert werden und schwere Episoden idealerweise vorbeugen.

Wie hat sich die Telefonseelsorge im Laufe der Zeit weiterentwickelt?

"Die Telefonseelsorge gibt es in Hamburg seit 60 Jahren. Sie hat sich von reiner Suizidprophylaxe zum Sorgentelefon für alle Themen entwickelt, mitsamt Ausbildungsstandards und Supervision für die Ehrenamtlichen.", teilt uns Frau Glöckner mit. Wir wollten von ihr wissen, was sie selbst dazu bewogen hat die Arbeit am Telefon aufzunehmen. Frau Glöckner blickt mit uns in die Vergangenheit: "Ich leite die Einrichtung seit zehn Jahren. Mir geht es aber am Telefon wie den Ehrenamtlichen: Wir lernen das Leben kennen und lernen auch viel über uns selbst." Interessierte, die selbst ehrenamtlich bei der Telefonseelsorge aktiv werden möchten, sollten ein offenes Ohr und Geduld mitbringen. "Einfühlsam sollten die Ehrenamtlichen sein, sich auf Menschen einlassen wollen und können. Auch sollten sie belastbar sein und die Zeit für ein anspruchsvolles Ehrenamt haben." Die Ausbildung für den Dienst dauert ein Jahr, später folgen regelmäßige Supervisionen. Im Monat verpflichtet sich jeder Freiwillige zu zwei Tagdiensten und zu vier Nachtdiensten im Jahr.

Wir bedanken uns bei allen, die diese wichtige Arbeit unterstützen!

Kennen auch Sie jemanden, dem Sie Danke sagen möchten? Schreiben Sie uns Ihre Geschichte an: dankesagen(at)pkv(dot)de