Corona beflügelt die Telemedizin

24 Jul
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Katharina Jünger gründete 2015 "Teleclinic", und bietet Arztpraxen eine Plattform zur Organisation von ärztlichen Videosprechstunden. Mittlerweile haben mehr als 30.000 Patientinnen und Patienten dieses Angebot zu digitalen Arztbesuchen genutzt.

Die Gründerin stammt aus einer Familie von Ärzten und ist von klein auf daran gewöhnt, jederzeit einen Arzt ans Telefon zu bekommen. "Diese Erfahrung möchte ich allen Menschen zugänglich machen, mein Ziel ist es, das Gesundheitssystem um eine sichere und moderne telemedizinische Grundversorgung zu erweitern.", begründet Katharina Jünger ihre Motivation.

Der Anfang ist nicht immer einfach

"Wir haben eine große Anzahl von Ärzten und Patienten überzeugen können. Und wir haben in der Privaten Krankenversicherung sehr innovative Unternehmen gefunden, die von Anfang an dazu bereit waren, die Telemedizin als Pilotprojekt auszuprobieren und zu erstatten – obwohl es rechtlich damals noch eine Grauzone war. Ohne diese Unterstützung hätten wir es vermutlich nicht geschafft, auf den Markt zu kommen. So konnten wir sehr gute Anwendungsfälle und Datenauswertungen dokumentieren. Damit konnten wir zeigen, in welchen Fällen Telemedizin geht und in welchen nicht, welche Faktoren für eine hohe Zufriedenheit der Patienten und der Ärzte signifikant sind", erzählt Katharina Jünger von der Anfangszeit.

Warum gewinnt die Videosprechstunde an Bedeutung?

Die Sorge vor einer Infektion mit dem Corona-Virus beim Arzt hat zu einem Boom bei Video-Sprechstunden geführt. 13 Prozent der Deutschen hatten bis Juli dieses Jahres eine Videosprechstunde mit einem Arzt oder Therapeuten wahrgenommen – eine Verdreifachung im Vergleich zum Vorjahr. Jeder Zweite kann sich heute sogar vorstellen, künftig online zum Arzt zu gehen (Quelle). 

Auch während der Coronakrise haben Menschen weiterhin Grippe, Hautentzündungen, brauchen Krankenschreibungen oder Rezepte. Für all diese Fälle bieten Videosprechstunden eine gute Alternative zur Sprechstunde in der Praxis.

In der Corona-Krise haben die Gesetzliche und Private Krankenversicherung Sonderregelungen für die telemedizinischen Behandlungen eingeführt. Dazu zählen insbesondere die Regelungen zur Videosprechstunde.

Zusätzlich können Videosprechstunden Versorgungsengpässe verhindern. "Nicht alle Bundesländer sind von der Coronakrise im gleichen Maße betroffenen, Ärzte aus anderen Bundesländer können Patient*innen aus NRW, Baden-Württemberg und Bayern beraten."

Die Ärzte, die in der "Teleclinic" arbeiten, sind alle niedergelassen und beraten aus ihren eigenen Praxen. "Sie können ihre Kapazitäten beisteuern, sodass in den Krankenhäusern und Notaufnahmen die schweren Fälle betreut werden können.", hebt Katharina Jünger hervor.

Die Ortsunabhängigkeit von Videosprechstunden ist ebenso für Menschen, die auf dem Land wohnen, von Vorteil. Viele ländliche Regionen in Deutschland leiden unter einem Arztmangel, die Wege zur nächsten Facharztpraxis sind deutlich länger als in der Stadt. Wenn bestimmte Fachrichtungen überhaupt nicht verfügbar sind oder die Patienten mobil eingeschränkt sind, können sie mit Hilfe der Videosprechstunde ihre akuten medizinischen Fragen einem Arzt stellen. Ohne Anfahrt und ohne Warten im Wartezimmer.

Videosprechstunden gewinnen bei Ärzten an Akzeptanz

"Für unsere Ärzt*innen haben wir zusätzlich Schulungen zu dem Coronavirus eingerichtet, damit sie auf Basis der aktuellsten Datenlage beraten können. Außerdem bieten wir unser Angebot für Patient*innen mit Symptomen, die auf den Virus COVID-19 hinweisen, und dem Verdacht auf eine Infizierung sogar kostenfrei an.", berichtet Katharina Jünger. "Aktuell bieten 62,4 Prozent der Ärzte Videosprechstunden an oder wollen diese Möglichkeit kurzfristig einrichten" hat kürzlich eine Umfrage der Stiftung Gesundheit ergeben. (Quelle) "Während davor (vor der Coronakrise) nur rund 15 Prozent der Ärzte bis zu einem Fünftel Patientenkontakte per Videosprechstunde abgewickelt hatten, erwarten rund 73 Prozent dies auch nach der Pandemie", berichtet Prof. Dr. Dr. Konrad Obermann, Forschungsleiter der Stiftung. "Es ist also damit zu rechnen, dass sich Videosprechstunden als ein Teil im Mix der Arzt-Patienten-Kommunikation nachhaltig etablieren werden." (Quelle)

Noch lange nicht am Ziel

Zu einer vollständigen Telemedizin gehören für Katharina Jünger das digitale Rezept und die digitale Krankschreibung: "Diese beiden Dokumente sind ein wichtiger Teil der Therapie und Diagnostik, ohne sie ist es kein echter Arztbesuch. In der Privaten Krankenversicherung können wir schon digitale Rezepte und digitale Krankschreibungen ausstellen. Da gibt es strenge Richtlinien, aber es funktioniert sehr gut, die Ärzte und die Patienten – und auch die Versicherer – sind sehr zufrieden. In der GKV gibt es beides leider noch nicht. Insofern ist es zwar gut, dass jetzt die Erstattung möglich ist. Aber ohne das digitale Kassenrezept und die digitale Krankschreibung ist eigentlich die Telemedizin noch nicht richtig angekommen in der GKV."

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