Alkoholprävention vor Ort: "Jede Kommune hat ihr eigenes Erfolgsrezept"

10 Apr
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Noch vor drei Jahren kamen bundesweit fast 15.000 Kinder und Jugendliche mit einer Alkoholvergiftung ins Krankenhaus. Um mit Jugendlichen über Risiken des Alkoholkonsums zu sprechen, richtet die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) im Rahmen der Jugendkampagne "Alkohol? Kenn dein Limit." – auch in Zusammenarbeit mit dem Verband der Privaten Krankenversicherung – ein bundesweit agierendes Service-Center für kommunale Alkoholprävention ein. Wir haben Frau Michaela Goecke, Leiterin des BZgA-Referats für Suchtprävention interviewt, um mehr über die Präventionskampagne zu erfahren.

Wie kam es zu dem Entschluss, ein bundesweit agierendes Service-Center für kommunale Alkoholprävention einzuführen?

Michaela Goecke: Die BZgA engagiert sich seit vielen Jahren in der Förderung der kommunalen Alkoholprävention. Im Jahr 2010 haben wir zusammen mit der ginko Stiftung für Prävention das Projekt "Gemeinsam initiativ gegen Alkoholmissbrauch bei Kindern und Jugendlichen" (GigA) initiiert. Im Rahmen von GigA wurden bereits Fach- und Verwaltungskräfte in über 40 Kommunen im netzwerkbezogenen Qualitätsmanagement fortgebildet. Die Idee für das Service-Center entstand aus den Erfahrungen dieses GigA-Projektes.

Unser Service richtet sich z. B. an Fachkräfte der Suchtprävention, Mitarbeitende in der kommunalen Verwaltung, Lehrkräfte, pädagogische Fachkräfte und Trainer*innen in Vereinen. Mit dem Center werden zukünftig die Angebote der BZgA einfacher zugänglich.

Wie wichtig sind die Kommunen für eine erfolgreiche Alkoholprävention?

Michaela Goecke: Kommunen sind sehr wichtig für erfolgreiche Alkoholprävention, weil sie als Lebenswelt eine Schlüsselrolle einnehmen. In der Kommune findet das Leben der Menschen – ob jung oder alt – statt. Sie umfasst wichtige Lebenswelten wie Kindertagesstätten, Schulen, Betriebe und Einrichtungen für ältere Menschen und Pflegeheime. "Vor Ort" kann man die passende Alkoholprävention besser aufbauen und nachhaltig umsetzen.

Neben den Kommunen leisten aber auch die Länder- und die Bundesebene ihren Beitrag für eine erfolgreiche Alkoholprävention, beispielsweise die Landesstellen für Suchtfragen, die zuständigen Landesministerien oder andere regionale Akteure – und der Bund in Zusammenarbeit mit dem PKV-Verband zum Beispiel mit "Alkohol? Kenn dein Limit."

Wie kann man sich die Arbeit des Service-Centers konkret vorstellen?

Michaela Goecke: Die Arbeit des Service-Centers wird darin bestehen, Kommunen bei der Umsetzung von nachhaltigen Alkoholpräventionsangeboten zu unterstützen. Hierzu bieten wir ein individuelles und kostenfreies Beratungsangebot z. B. im Hinblick auf Projektplanung oder Weiterbildungsangebote für Fach- und Verwaltungskräfte.

Kommunen stehen vor sehr unterschiedlichen Herausforderungen: Während einige Hilfe bei der Bekämpfung von exzessivem Alkoholkonsum an öffentlichen Plätzen wie Parks benötigen, erleben andere Kommunen Vandalismus oder Straftaten durch alkoholisierte Menschen. Um dem entgegenzuwirken, prüft und entwickelt das Service-Center gemeinsam mit den Kommunen vor Ort präventive Maßnahmen und vernetzt Akteure untereinander.

Läuft das für jede Kommune gleich ab? Gibt es Erfolgsrezepte, die überall funktionieren?

Michaela Goecke: Für jede Kommune, die die Alkoholprävention auf ihre Agenda nimmt, gibt es ein Erfolgsrezept. Aufgrund der Heterogenität der Kommunen kann das aber nicht ein Rezept für alle sein – sondern es muss individuell für jede Kommune entwickelt, umgesetzt und evaluiert werden. Dabei unterstützt unser Service-Center die Kommunen. Ein Erfolgsgarant für alle Kommunen ist aber zum Beispiel das Netzwerkmanagement. Wir möchten dazu beitragen, dass sich Akteure - ob aus der Kommunalverwaltung, dem Ordnungsamt, aus Schulen oder Jugendeinrichtungen - optimal vernetzen. Die Entwicklung gemeinsamer Ziele und Verbindlichkeit sind weitere Erfolgsgaranten. Ressourcen und Synergien können so im Wege einer strategischen Bündelung optimal genutzt werden.

Können Sie beispielhafte Angebote für kommunale Lebenswelten beschreiben?

Michaela Goecke: Im Rahmen von "Alkohol? Kenn dein Limit." werden seit 2009 bundesweite Peer-Aktionen zur Alkoholprävention bei Jugendlichen durchgeführt. Die von uns geschulten Peers sind etwa im Alter der Jugendlichen, die sie zum Thema Alkohol informieren und für einen verantwortungsvollen Umgang mit Alkohol sensibilisieren. Die Wirksamkeit der Peer-Education ist in Studien nachgewiesen. Deshalb haben wir uns entschieden, in Kooperation mit einigen Ländern und Kommunen das BZgA-Peer-Konzept zur Alkoholprävention zu verstetigen und ein Manual für die Durchführung und für die Schulung zu entwickeln. So werden Kommunen angeregt und befähigt, in Eigenregie solche Peer-Aktionen durchzuführen.

Das Aktionsbündnis "Alkoholfrei Sport genießen" richtet sich an Verantwortliche in Sportvereinen. Gerade in der - meist ehrenamtlichen - Arbeit mit Kindern und Jugendlichen ist es wichtig, dass die Sportvereine bei Turnieren, Festen oder im Vereinsleben verantwortungsvoll mit Alkohol umgehen. Wir unterstützen Vereine dabei ihre Sportveranstaltungen oder Vereinsfeste alkoholfrei zu gestalten. Hierzu können sie die kostenfreie Aktionsbox "Alkoholfrei Sport genießen" mit Broschüren, T-Shirts, Rezeptheften für alkoholfreie Cocktails und vielem mehr bei der BZgA unter www.alkoholfrei-sport-geniessen.de bestellen.

Der "Klarsicht"-MitmachParcours ist ein interaktives Angebot der BZgA für Schülerinnen und Schüler ab 12 Jahren. An moderierten Parcours-Stationen tauschen sich Jugendliche aus und erfahren alles rund um die Risiken des Rauchens und um einen verantwortungsvollen Umgang mit Alkohol. Das Spielerische und Interaktive machen dieses Angebot für die Jugendlichen sehr beliebt, daher bieten wir den großen Parcours zusammen mit einem Qualifizierungsangebot auch als Koffervariante, den "KlarSicht-Koffer", an. So können kommunale Akteure dieses Mitmachangebot zur Suchtprävention auch selbstständig im Klassenzimmer anbieten.

Welche Ziele haben Sie sich gesetzt und welche Auswirkungen erhoffen Sie sich von der neuen Ausrichtung?

Michaela Goecke: Wir möchten möglichst viele Kommunen erreichen. Wichtig ist uns dabei, dass wir den Kommunen individuell helfen. Konkret möchte es die BZgA kommunalen Akteuren erleichtern, alkoholpräventive Angebote praktisch umzusetzen und nachhaltig zu verankern. Auf der anderen Seite möchten wir von den Erfahrungen der Kommunen lernen und stetig Impulse aus der Praxis für die Weiterentwicklung unserer Angebote bekommen. Es ist also ein Geben und Nehmen. Und noch eins ist uns wichtig: Wir möchten einen besonderen Fokus auf kleinere beziehungsweise mittelgroße Kommunen in strukturschwächeren Regionen legen. Ihnen bieten wir eine unbürokratische Förderung im Rahmen einer neuen Förderrichtlinie, die vorsieht, dass Mittel für Interventionen ohne großen Aufwand beantragt werden können. Wir würden uns freuen, wenn bis Ende 2021 bundesweit etwa 30 Kommunen diese Förderung in Anspruch nehmen. Das wäre ein schöner Erfolg.

Kennst auch Du jemanden im Gesundheitswesen, dem Du Danke sagen möchtest? Schreib uns seine Geschichte an: dankesagen(at)pkv(dot)de.