Älter werden in Balance

26 Jun
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In Gedanken Spazieren gehen am Strand. Oder im Wald Pilze sammeln. Das sind "Aktivitäten" des Lübecker Modells, das speziell für Pflegeeinrichtungen entwickelt wurde. Mancher Bewohner taucht dabei in altbekannte Bewegungswelten ein, denn mit dem Lübecker Modell sollen Pflegebedürftige Kraft und Mobilität zurück gewinnen.

Als Teil des vom PKV-Verband finanzierten Programms "Älter werden in Balance" der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) wird das LMB zurzeit in immer mehr Pflegeeinrichtungen eingeführt. Um mehr über dieses Programm und seine Entwicklung zu erfahren, haben wir Dr. med. Sonja Krupp interviewt. Sie arbeitet am Krankenhaus Rotes Kreuz Lübeck Geriatriezentrum und ist seit der Geburtsstunde der Forschungsgruppe Geriatrie Lübeck (FGL) im Jahr 2011 mit dabei, seit 2013 als deren wissenschaftliche Leiterin.

In Ihren Einrichtungen unterstützen Sie den pflegerischen und medizinischen Fortschritt - wie kann man sich die Arbeit der Forschungsgruppe konkret vorstellen?

Sonja Krupp: Forschungsbedarf, dem sich die FGL widmet, ergibt sich in der Regel aus den bereits laufenden Aktivitäten rund um die Geriatrie (Altersheilkunde). Um im Auftrag der BZgA mit Unterstützung des PKV-Verbandes eine präventiv wirksame Intervention für pflegebedürftige ältere Menschen zu entwickeln, musste unser Team erweitert werden und ich lerne viel, z. B. von Dr. Christina Ralf, die als Sportwissenschaftlerin das Lübecker Modell Bewegungswelten mit "ausbrütete".

Was ist das Besondere am Lübecker Modell Bewegungswelten?

Sonja Krupp: Das Lübecker Modell Bewegungswelten, kurz LMB, ist ein wissenschaftlich evaluiertes körperlich, geistig und sozial aktivierendes Präventionsprogramm, das in Pflegeeinrichtungen zweimal wöchentlich eine Stunde lang in Kleingruppen von etwa 6-12 Personen durchgeführt wird. Dabei stehen die Übungen jeweils durchgehend inhaltlich unter einem Thema, das den Teilnehmenden aus ihrer Vorgeschichte vertraut ist.

Das Aufstehen und das Stehen werden als Schlüsselkompetenzen der Selbstständigkeit jedes Mal trainiert. Im Unterschied zu vielen anderen Bewegungsangeboten, die im Sitzen durchgeführt werden, spricht dies nicht nur einzelne Beinmuskeln an, sondern alle für diese Funktionen notwendigen.

Ein weiterer Fokus liegt auf der gleichzeitigen Anforderung an motorische und kognitive Fähigkeiten, dem "Dual Tasking".

Ist das Lübecker Modell Bewegungswelten ein reines Kursangebot?

Sonja Krupp:Die Bewegungswelt, die die Teilnehmenden im Gruppentraining miterlebt haben, wird durch das begleitende "Mein tägliches Bewegungsprogramm" auch in den Tagen dazwischen weitererlebt. Drei Übungen der Bewegungswelt werden den Teilnehmenden zum selbständigen oder z. B. durch eine Betreuungskraft angeleiteten Üben mitgegeben. Unterstützt werden diese "Hausaufgaben" in manchen Einrichtungen durch handwerkliche Aktivitäten in der Ergotherapie.

Wie läuft das Programm in der jeweiligen Einrichtung ab?

Sonja Krupp: Die Umsetzung des Lübecker Modell Bewegungswelten in den verschiedenen Einrichtungen hängt von vielen Faktoren ab. Die Ressourcen der Mitarbeiter*innen und die Bereitschaft und Möglichkeit der Teilnehmenden sind unterschiedlich. Da einige pflegebedürftige Personen schon bald nach dem Start funktionelle Verbesserungen erreichen, springt die Motivation von den Übungsleiter*innen und Teilnehmenden idealerweise auch auf das nicht direkt beteiligte Personal über. Eine tolle Idee ist das Zusammenführen von Teilnehmenden zur gegenseitigen Unterstützung bei den Individualübungen "Mein tägliches Bewegungsprogramm". So können ältere Menschen, die Hilfe brauchen, die Befriedigung erleben, auch selbst Hilfe zu geben – z. B. wenn der- oder diejenige mit der besten Lesefähigkeit die Übungsanleitung vorliest.

Durch regelmäßigen Kontakt zu unseren Übungsleiter*innen werden wir über individuelle Umsetzungsmöglichkeiten informiert und geben sie in Qualitätszirkeln weiter – natürlich anonymisiert.

Wie sieht so eine Bewegungswelt aus und wie sind Sie auf die Idee der Bewegungswelten gekommen?

Sonja Krupp:Der "Ausflug" in eine "Bewegungswelt", z. B. "Auf dem Bauernhof" oder "Am Strand", umfasst für diese Umgebung typische Bewegungen und fördert sowohl kognitive als auch motorische Funktionen. Die Übungen werden dadurch abwechslungsreicher, denn selbst bei einer identischen Bewegung geht im Kopf z. B. beim "Pilze pflücken" etwas Anderes vor als beim "Muscheln sammeln". Durch Reaktivierung von Gedächtnisinhalten kommt auch die Förderung der sozialen Vernetzung nicht zu kurz, denn plötzlich beginnen die Teilnehmer, sich über eigene Erlebnisse z. B. im Wald oder am Strand zu unterhalten. Bei der Planung einer Trainingseinheit sollen alle Funktionseinheiten des Körpers (Kopf/Arm/Hand, Rumpf, Becken/Bein/Fuß) möglichst gleichmäßig berücksichtigt werden. Das Training findet hauptsächlich im Sitzen statt, Stehtraining und Aufstehen vom Stuhl werden bestmöglich in den Kontext der Bewegungswelt integriert.

Die Ideen für weitere Bewegungswelten kommen von den Teilnehmenden der Trainingsgruppen selbst und von Übungsleiter*innen, z. B. im Rahmen ihrer regelmäßigen Rückmeldungen an die FGL und in Qualitätszirkeln.

Können Sie eine Anekdote aus der Praxis berichten, die Sie besonders bestärkt?

Sonja Krupp:Unvergesslich ist es, wenn man einmal das ungläubige Staunen eines Teilnehmers miterlebt, der nach langer Zeit zum ersten Mal wieder ohne Hilfe aus dem Rollstuhl aufsteht. Das sind Highlights, die immer wieder einmal vorkommen, von denen die ganze Gruppe profitiert und die uns in der FGL anspornen, das LMB up to date zu halten und weiter auszugestalten. Auch die Gesprächsbeiträge der Teilnehmenden, in denen ihre Expertise für alle sichtbar wird und ihre "Nachbarn" einen Einblick in ihre Lebensgeschichte erhalten, sind solche Bonbons – der Glaser erklärt, wie man Kitt verwendet, die Bäuerin den Umgang mit der Melkmaschine. Berichtet wird uns, dass durch das soziale Miteinander in der Trainingsgruppe Bewohner eines Hauses zueinander gefunden und sich schätzen gelernt haben. Und es wird viel gelacht! Auf den zugesendeten Fotos zweier bayerischer Übungsleiterinnen im ländlichen Raum sahen wir sogar schon ein lebendiges Huhn im Kreise der trainierenden Bewohner, das sich vom Thema "Auf dem Bauernhof" offenbar so angezogen fühlte, dass es über die offene Terrassentür hineingekommen war!

Wie messen Sie, ob das LMB für die jeweilige Einrichtung erfolgreich war?

Sonja Krupp:Für die Einrichtung zeigt sich der Erfolg an der Häufung von Fortschritten bezüglich der Alltagsfähigkeiten, an der obig geschilderten positiven Gruppendynamik und nicht zuletzt an der „Treue“ der Teilnehmer – in der Validierungsstudie war der häufigste Grund für ein Ausscheiden aus dem Lübecker Modell Bewegungswelten nach mehr als drei Monaten der Tod, wobei wohlgemerkt in den LMB-Gruppen weniger Studienteilnehmende verstarben als in der Vergleichsgruppe.

Wie wird sichergestellt, dass die Pflegeeinrichtungen das LMB und Alltagsbewegungen auch langfristig umsetzen, um damit mehr Bewegung in den Alltag einer Pflegeeinrichtung zu bringen?

Sonja Krupp: "Sicherstellen" im Sinne von "garantieren" können wir das natürlich nicht, nur fördern und dabei alle verfügbaren Register ziehen. Wir halten Kontakt zu Übungsleitenden, laden sie zu – momentan online durchgeführten – Qualitätszirkeln ein, präsentieren ihnen die unter Berücksichtigung ihrer Rückmeldungen frisch entwickelten "Bewegungswelten" und bleiben für sie und "unsere" Pflegeeinrichtungen erreichbar. Außerdem arbeiten wir gern mit allen Organisationen zusammen, die sich dafür einsetzen, zu sinnvollen Aktivitäten eingesetzte Bewegungsförderung erfolgreich zu verstetigen. Die FGL ist z. B. an den Projekten POLKA ((Pflegeeinrichtungen als Kompetenzzentren in der Gesundheitsversorgung durch Multiplikation von körperlicher Aktivität) und PfleBeO (Pflegeeinrichtungen – Bewegungsfreundliche Organisationen) beteiligt. Letzteres ist ja durch den PKV-Verband ins Leben gerufen worden und entwickelt sich in enger Abstimmung mit dieser und unseren weiteren Projektpartnern. Wir hoffen darüber hinaus, dass die gesetzgebenden Gremien künftig der Tatsache Rechnung tragen werden, dass pflegebedürftige geriatrische Senior*innen nicht mit kursartigen Präventionsmaßnahmen ausreichend zu fördern sind, sondern kontinuierlich sowohl durch Modifikation ihrer Lebenswelt als auch individuell angepasste Interventionen "bei der Stange gehalten" werden müssen. Bewegung muss zur lieben Gewohnheit werden und für sinnvolle Tätigkeiten eingesetzt werden – auch wenn kein Hund drängelt, Gassi gehen zu wollen.

Welche Ziele haben Sie sich gesetzt und welche Auswirkungen bzw. Weiterentwicklungen konnten Sie bereits umsetzen bzw. erhoffen Sie sich?

Sonja Krupp: Wir reagieren zurzeit auf die zahlreichen eingegangenen Rückmeldungen zum Lübecker Modell Bewegungswelten in seiner ersten Version und haben lange daran gefeilt, wie wir noch besser auf das unterschiedliche Leistungsniveau der Teilnehmenden eingehen können, ohne die Übungsleiter*innen mit der Planung des Trainings zu überfordern. Eine erste Bewegungswelt im neuen Gewand ist druckreif, weitere werden zeitnah folgen.

Kennst auch Du jemanden im Gesundheitswesen, dem Du Danke sagen möchtest? Schreib uns seine bzw. ihre Geschichte an: dankesagen(at)pkv(dot)de.